Die Epoche neuer Imperien beginnt – Teil 2

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Fortsetzung des Interviews mit Andrej Fursow in meiner eigenen unautorisierten Übersetzung:

SP“: Und welche Perspektiven gibt es für Großbritannien?

Ein freies Schwimmen Großbritanniens als Nationalstaat ist nicht möglich. Es hat weder das demographische noch finanz-ökonomische Potenzial. Die einzige Variante ist die Wiedergeburt im Blicke der IÄG des Britischen Imperiums. Aber dafür gibt es wiederum keine ausreichende Finanzbasis. Aber im traditionellen Wirken der Briten sind die Zonen, in die sie stolpern, Russland und die Türkei, die selbst danach streben sich in ein IÄG zu wandeln.

Schatten des Glockenturmes auf dem Schloss Windsor

Objektiv können das europäische Kapital und Israel Verbündete der Briten werden. Möglich sind Spiele im Süden Afrikas. Dennoch gibt es auf dem Weg der „Imperisation“ Großbritanniens ernsthafte Hindernisse. Dieser Prozess fordert den Verzicht des neoliberalen Kurses, als dessen Hauptadept die Königliche Familie Großbritanniens auftritt. Die letzte Festung, der Ort, wo „die Nadel des Todes Kotschewois“ der neoliberalen Globalisation versteckt ist   –  ist der Buckingham Palast. (In den russischen Heldenmärchen muss der Held den Tod seines Widersachers, eines Ungeheuers, bösen Geistes – hier Kotschewoi – finden. Der Held sucht seine von dem Ungeheuer entführte Braut. Das Ungeheuer versucht mit allen unlauteren Mitteln die Braut zur Ehe mit ihm zu überreden, dessenn Überredungskünsten und bösen Zaubern sie aber allen widersteht. Sie hilft nun, nachdem der Held sie gefunden hat, den Ort des Todes des Ungeheuers zu finden. Oft ist der Tod des Ungeheuers in mehreren „Etappen“ versteckt. In diesem Märchen: Ein einsame, kleine Insel inmitten des stürmischen Ozeans auf einem knorrigen hohen, alten Baum, an dessen Ast eine Truhe an einer Kette hängt, nachdem die Truhe zerstört ist, entspringt ihm ein Hase, ist der erlegt, verwandelt der sich in einen Raubvogel, ist der erlegt, verwandelt der sich in einen Fisch, ist der gefangen, findet sich darin die Nadel, die zerbrochen werden muss, um Kotschewoi zu töten. Der Held löst die Aufgabe mit Hilfe von Tieren, die ihm beistehen, weil er sich ihnen gegenüber menschlich gezeigt hat und/oder sie vor dem Tod gerettet hat – Anm. von mir) Auf der stehen die Windsors und können nicht anders. Stehen – ungeachtet der ernsthaften Warnungen, die diese Dynastie im Sommer 2011 gleich von zwei Ländern erhielt: Norwegen und Großbritannien selbst.

SP“: Erklären Sie…

Die Rede ist von dem norwegischen Massaker in Breyvik (und es bleiben noch mindestens drei Menschen „hinter den Kulissen“ übrig). Es wurden einige Versionen dieses Ereignisses und seiner Gründe vorgebracht . Ich stelle auch meine vor: die Version eines Menschen, der sich mit den dynastischen Schemen und der Wappenkunde auseinandersetzt und der versucht sie mit der Politökonomie des modernen sterbenden Kapitalismus zu verbinden.

Es ist klar, dass Breyvik kein Einzeltäter war. Um die verdeckten Chiffren des Vorganges zu verstehen, muss die Frage gestellt werden, wer regiert Norwegen? Die Dynastie der Sachsen-Coburgs. Aber wer herrscht in Großbritannien? Welche Überraschung – auch die Sachsen-Coburgs. Nur heißen sie Windsors – sie haben den „Familiennamen“ zur Zeit des 1. Weltkrieges geändert – es wäre ungeschickt gewesen, Großbritannien zu regieren, das mit den Deutschen kämpft, und die Dynastie klingt deutsch.

Aber geschah im Sommer 2011 in Großbritannien etwas in der Art? Mehr als geschehen: Eine Progromwelle, eigentlich – die Straßenkämpfe der farbigen Bevölkerung, fielen eigenartiger Weise mit dem norwegischen Vorfall zusammen. Wenn sie auch natürlich nicht das Niveau der Grausamkeit erreichten.

Ich betone, dass ich nicht der Einzige bin, der die Vorfälle in Großbritannien und Norwegen mit den Dynastien Sachsen-Coburgs und deren Kontrahenten in der Weltspitze verbindet. Das bemerkten auch andere Analytiker. Der norwegische Massenmord, dessen Opfer nicht nur Jungen und Mädchen des einfachen Volkes wurden, aber auch die ernsthaften Unruhen in den englischen Städten sind, nach meiner Ansicht, eine Botschaft (oder eine letzte Warnung, das „schwarze Mal“, falls gewünscht) eines Teiles der Weltspitze an die andere – welche die Führer des neoliberalen Kurses sind. Die Botschaft ist ausschließlich grausam. Ihr Sinn ist einfach: „Wir nehmen auch Kinder.“ Das bedeutet, dass der Konflikt in der Weltspitze eine solche Ebene der Schärfe erreicht hat, dass sogar die Kinder nicht verschont werden – so etwas gab es früher nicht. Das Signal wurde empfangen. Es wurden beispiellose Maßnahmen der Sicherheit der königlichen Familien unternommen. Wurde nun dem „Imperium“ ein Schlag versetzt, ich meine der Dynastie ein Gegenschlag? Die Geschichte mit Diana, ja, und die ganze Geschichte der Windsors zeigt, dass ihre Kinder zu vielem fähig sind. Schauen wir.

SP“: Und was erhalten wir in der Summe?

Drei Ereignisse, die sich mir als die Hauptsächlichen des Jahres 2011 darstellen – der „Arabische Frühling“, die Krise der Eurozone und das norwegische Massaker – Ereignisse verschiedener Maßstäbe. Nun, sie haben aber einen Nenner – jählings verschärfte sich nach 2008 der Kampf innerhalb der Weltspitze um die Zukunft. Hierdurch haben wir die Klüngel der immer heftigen Widersprüche auf verschiedenen Ebenen und Maßstäben. Diese Widersprüche sind zwischen:

– den antiliberalen und neoliberalen Strategien der Entwicklung der Weltspitze und insbesondere der antiliberalen und neoliberalen Cluster;

– den Tendenzen der Globalisation der 1980 – 2000er Jahre und die sich den Weg durchbrechenden imperienähnlichen Gebilde als Form zum Bezwingen der globalen Krise;

– den Staatsbürokratien und dem Finanzkapital und den entsprechenden Netzwerken durch die Ordensstrukturen, die hinter den ersten und zweiten stehen;

– USA und China;

– „hinter den Kulissen“ USA und Großbritannien (bedingt: Orden und Gruppe, wobei die reale Situation verwickelter ist);

– dem inneren Establishment der USA selbst – wie in taktischen (anstehende Wahlen) so auch in strategischen Fragen.

Es gibt auch andere Widersprüche. Sie alle verstärken und beschleunigen zunehmend die systemische Krise zusammen mit der Verschlechterung der geoklimatischen und geophysischen Stiuation, weshalb die Erd- und kosmischen Gefahren wirken als wären sie ein staats-imperialer (imperienähnlicher), antiliberaler Vektor der Entwicklung. Ein Problem besteht außerdem darin, dass sich in den Klüngeln die Widersprüche und Konflikte der verschwindenden Epoche, ihre Tendenzen und Widersprüche mit der neuen Epoche – ihr Ziele und Agenten nicht nur mit den Ländern, sondern auch zwischen sich selbst verflochten haben.

SP“: Und was erwartet in diesem Kontext Russland?

Alle Krisen, über die wir gesprochen haben, projizieren sich auf die Russische Föderation (RF). Sie bekommt eine „Doppelmasse“ der Krise. Für uns war das Jahr 2011 auch äußerst wichtig. Zum ersten, verschärften sich die Wiedersprüche: zwischen der Macht und der Gesellschaft, innerhalb der Macht – zwischen den Spitzen und den unteren Segmenten, innerhalb des oberen Segments – zwischen den unterschiedlichen Gruppen („Gewaltige“ – „bürgerliche“), aber innerhalb der Gruppen – zwischen den Clans. Dabei scheint es, dass die inneren Macht- (administrative) Ressourcen aller Gruppen praktisch erschöpft sind. Die letzten Wahlen haben das klar demonstriert. Durch die sich zeigende Erschöpfung verschärft sich der Fakt der Vergeudung des sowjetischen materiellen Erbes – in der Mitte des „Jahrzehntes“ wird es völlig vergeudet sein. Es endet die „NÖP-2“ der neunziger und nuller Jahre. Endet damit auch die „NÖP-1“? Ich weiß es nicht.

In jedem Fall verstärkt die Weltsituation die Schärfe der inneren russischen Konflikte und nicht weniger scharf steht die Frage zu den äußeren Verbündeten – Staaten im Ganzen und unterschiedlichen Clan Mächten. Unter den Bedingungen der Krise der Fragmentation, Zerstückelung der Weltspitze, ist das eine außerordentlich komplizierte und schwierige Frage (in den 1990iger und sogar zu Beginn der 2000er Jahre war die Situation sehr viel einfacher). Im Resultat der vorhandenen Risiken der weiteren Zerstückelung und so ziemlich weit von der Einheit und Geschlossenheit der russischen Spitze entfernt, läuft die Verwandlung des russischen Territoriums in ein Feld der Schlachten der Mächte, der Cooperations, der Orden und Netzwerke für die Zukunft (zum Schaden der einheimischen Bevölkerung), in das Reserveterritorium und der Deponie psychobiologischer und anderer Experimente. Ein schwacher Trost ist die Degeneration der Moral und des Willens der westlichen Spitze als Spieler. Und das ist eines der Gründe, wenn auch nicht der einzige, weshalb die Meister der Weltspiele die Säuberung der satten neoliberalen Eliten des Westens beschlossen haben.

Das Jahr 2011 zog einen Strich unter die postsowjetische Epoche. Und das ist möglicherweise die überaus wichtigste Grenze des gehenden Jahres: Die postsowjetische Epoche in Russland und der Welt endete unwiederbringlich. Wir treten ein in eine andere, sehr gefährliche Epoche für das Leben, in dem Willen und Vernunft notwendig sind. Das heißt vor allem, prinzipiell neue Wissenschaften über die Gesellschaft und den Menschen, die Entwicklungen neuer Disziplinen, neuer begrifflicher Apparate, neuer Formen der Arbeit mit beträchtlichem Umfang der Informatik und selbstverständlich, neue Formen der Organisation des rationalen Wissens voraussetzt.

Andrej Fursow

Sachsen-Coburg - Schloss Pjena

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Original-Interview mit Andrej Fursow

Die Epoche neuer Imperien beginnt – 1. Teil

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Andrej Iljitsch Fursow (Андрей Фурсов) – Soziologe, Journalist, Politwissenschaftler

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Spezialist in moderner Geschichte, PhD in Geschichte. Er promovierte am Instutut für asiatische und afrikanische Studien der Moskauer Staatsuniversität. Ph.D. in Geschichte. Gründete und leitete das das Geschichts-Institut der Russischen Staatlichen Humanitären Universität, war Co-Direktor des Zentrums für Vergleichende und Globale Studien IFS RSUH, Leiter der Abteilung des Asien und Afrika Instituts der Wissenschaftlichen Information der Sozialen Wissenschaften, Russische Akademie der Wissenschaften.

Ein Spezialist der russischen Geschichte und Geopolitik. Im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses stehen für Fursow die Herausforderungen der Globalisation, die sozialen und politischen Verhältnisse. Er ist der Autor von mehr als 200 wissenschaftlichen Papieren, einschließlich neun Büchern.

Andrej Fursow ist Kandidat der historischen Wissenschaften Russlands und Mitglied der internationalen Akademie der Wissenschaften, München, Deutschland.

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Mir begegnete Andrej Fursow auf einigen YouTube Videos, in denen er sehr anschaulich die heutige Situation auf unserer Erde aus der Vergangenheit ableitet und daraus zu Schlussfolgerungen für eine mögliche Zukunft kommt.

So fand ich zu einem Video den Link zu dem Interview, das am 17. Januar 2012 mit „Svobodnaja Pressa“ – SP – (Freie Presse) mit Fursow geführt und am 17. April 2012 auf dem Blog Gentleman’s Garnitur (Джентельменский набор) veröffentlicht wurde, wo ich es fand.

Da hier die gegenwärtige Situation der politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen wiederum auch aus der Geschichte heraus beleuchtet werden und wir so die Möglichkeit bekommen, die Gegenwart zu verstehen, habe ich mich entschlossen, dieses Interview zu übersetzen und Fursows Sicht auf die Dinge meinen Lesern zur Verfügung zu stellen.

Es folgt meine eigene unautorisierte Übersetzung des genannten Interviews.

Fotos in dem Artikel: Nataly Kouskova, Juliana S, Sergey Butkevich, Drainmaster *, Maryna Didkovska, Denis Galinsh, Новостной портал ИТАР-ТАСС, Nataliya, Олег Данкир, Виктор Барашков, Anton Shevtsov, Galina Dovgalyuk
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Teil 1

Die Eurasische Union – die einzige Chance für Russland zu überleben

Das vergangene Jahr blieb durch eine ganze Reihe von Vorgängen mit besonderer Bedeutung in Erinnerung — „der arabische Frühling“, die Krise der Eurozone, der Zusammenbruch der multikulturellen Ideologie. Ihre Auswirkungen setzen sich in einer ganze Kaskade langfristiger Konsequenzen fort. Was können das für Konsequenzen sein? Wer profitiert von den Veränderungen? Wie wirken sich diese Prozesse, die sich heute in Europa und der Welt entwickeln, auf Russland aus? Zu diesen und anderen Fragen argumentiert der Direktor des Zentrums für Russische Forschung MosGU, Andrej Fursow.

SP“: Andrej Iljitsch, was hat Sie als Forscher in erster Linie interessiert?

Ich würde die Eurozone und den Aufstieg Deutschlands unterstreichen, aber genau so den norwegischen Zwischenfall. All das geschah vor dem Hintergrund des gleichzeitigen Abschlusses von zwei Epochen auf der Erde und in Russland – die neoliberale Revolution und die postsowjetische Epoche. Die Krise der Eurozone – eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres 2011, das mehrere Abtrennungen und „Ausläufer“ hat. Sie beweist die Krise des neoliberalen Systems, und daraus folgend – der Globalisierung als Ganzes. Die Künstlichkeit der Europäischen Union in dieser Sicht, in der sie konstituiert wurde, zeigte sich bereits am Ende der 1990iger Jahre, die Krise von 2008 macht ihre Künstlichkeit mehr als offensichtlich. Heute kracht gerade das neoliberale, multikulturelle Europa aus allen Nähten. Und in ihr wird offensichtlich der postliberale Führer erkenntlich – Deutschland als Zentrum des „karolingischen Kerns“ (Deutschland, Frankreich, Norditalien).

Das Karolinger Reich im 9. Jh.

Das Karolinger Reich im 9. Jh.

SP“: Denken Sie, dass dies schon ein vollendeter Fakt ist?

Ich denke, ja. Der Aufstieg Deutschlands zeigt die „Grenze des Wachstums“ der Globalisation, aber eigentlich – sein Ende. Die neoliberale Revolution/Globalisation erreichte seine Ziele und hat damit das bestehende System und seine Formen der Organisation, zum Beispiel die Untergrabung der nationalen Staaten, ausgeschöpft. Nun, und gleichzeitig sich selbst. Heute ist klar, dass andere, nicht einfach nur nicht liberale, sondern anti-liberale Formen notwendig sind, – und wenn auch nur, um die Krise zu überleben und den Finanzmarkt für 30 Jahre zu beschwichtigen und hinauszögern und, das ist nicht weniger wichtig, es ist das sozial-psychologische, wenn nicht gar das geistige Element, die Krise zu überstehen.

SP“: Sie haben die „Chaotisierung“ der Weltwirtschaft, der Finanzen im Blick?

Das Chaos der Jahre von 1980 bis 2000 umfasst nicht nur die Finanzsphäre. Es zerstörte nicht nur die reale Ökonomie, die nationalen Staaten und die Politik. Aber auch – was besonders wichtig ist – die Sphäre des Bewusstseins. Die neoliberale Revolution brachte das Bewusstsein der Menschen ins Ungleichgewicht. Alternativen und Widerstand zum globalen Chaos können werden (und werden bereits) die Zentren der postglobalen Kristallisation der Macht und des Reichtums, die nicht im globalen Maßstab sind, und zur selben Zeit territorial und demographisch den vergehenden Nationalstaaten überlegen sind.

Albertina - Königsberg

Scheinbar sieht dies wie der Zusammenbruch des globalen Systems der Blöcke aus, die an die imperiale Bildung erinnert. Beobachter sprachen sogar über eine Wiedergeburt der Imperien – des Deutschen, Osmanischen, Britischen.

Deutschland ist der Kandidat Nummer eins für die Rolle des Begründers eines solchen Imperiums. Im Grunde genommen schreiben darüber sogar schon die Zeitungen. Zum Beispiel, am 17. August 2011, veröffentlichte die Daily Mail einen Artikel „Die Wiedergeburt des Vierten Reiches oder wie Deutschland die Finanzkrise für die Eroberung Europas benutzt“. In dem Artikel wird darüber gesprochen, dass Deutschland die Vereinigten Staaten von Europa erschafft, die ganz und gar nicht demokratisch, sondern das Gegenteil sein werden.

Selbstverständlich, zeigt sich hier teilweise die traditionelle britische Angst vor den Deutschen. Nicht nur teilweise. Im Jahr 1940 bemerkte Churchill, dass die Briten nicht gegen Hitler kämpfen, sondern gegen den Geist Schillers – damit er nie wiedergeboren würde. Es scheint, dass sich einer der wichtigsten Russen- und Deutschfeindlichen des 20. Jahrhunderts irrt: Über den Geist zu reden ist noch schwierig, aber Deutschland ist schon wiedergeboren. Vor allem die Deutschen aus ihrer historischen Ablehnung des Universalismus/Globalismus ob katholisch oder erleuchtet, aus ihrer Erfahrung der hitlerschen Eurounion und des riesigen Kartells „IG Farbenindustrie“, neigen traditionell zur „Ordnung“ und zum Antiliberalismus, gehen in der Avantgarde der Wiedergeburt Europas. Wenigstens ihr zentraler Teil – das reicht völlig für die Begründung eines lebensfähigen antiliberalen imperiumähnlichen Europas. Die Rede muss vor allem über die imperiumähnlichen Gebilde, über die Entstehung von etwas Neuem, aber nicht die Wiedergeburt von etwas Altem sein.

SP“: Sie nehmen an, dass gerade diese Form zu einer Veränderung der Globalisation mit seinen Strukturen führen kann?

Die Zeit der Imperien ist vorbei. Aber die Zeit ihre Nationalstaaten zu ersetzen – auch. Wie auch die Globalisation, die diese Staaten untergruben.

Imperienähnliche Gebilde (IPO – Deutsch wäre das IÄG) – das ist eine nationale Macht, ein Superkonzern und Orden gleichzeitig, das institutionell-hierarchische und Netzprinzip kombinierend. Das sind mehr oder weniger organische übernationale Blöcke mit Bevölkerungen von nicht weniger als 300 bis 350 Millionen Menschen. Äußeres Subjekt der Lenkung der IÄB werden staatliche Bürokratien mit einer wesentlichen Rolle der Militär- und Geheimdienste sein, eine Rolle, die in den Krisenbedingungen wächst und die durch das Finanzkapital eingenommen wurden, das ihnen im Jahr 2008 den Krieg angesagt und zur Unterdrückung – des Typs der Kompromisse oder der Kompromisslosigkeit – verdammt hat.

An der Oberfläche der Formierung der IÄG kann eine Form der rechten nationalistischen (mindestens anti-multikulturellen) politischen Revolution sein. Die IÄG können nur anti-liberal sein (der Grad – das ist eine Frage der konkret-historischen Umstände). Aber das bedeutet, mindestens für Europa, unter den Bedingungen der Krise das Erscheinen rechter Parteien neuen Typus. Es scheint, die Geschichte wiederholt sich: aus der Weltkrise 1929 – ging 1933 Deutschland als Drittes Reich hervor, aus der Weltkrise der 2010er Jahre, die schlimmer sein wird als die von 1929, wie schon K. Lagard voraussagt, könnte Deutschland als Fünftes Reich hervorgehen (das Vierte Reich war eine Netzstruktur, gebildet aus ehemaligen Nazis in der zweiten Hälfte der 1940iger bis 1950iger Jahre.)

SP“: Welche Wirkungen kann diese Restrukturierung Europas haben , über die Sie sprechen?

Die Entstehung des IÄG „Europa“ mit deutschem Kern löst die einen Probleme und begründet andere – wie für die Nachbarn, so auch für Russland. Wir haben aus diesem Grund kaum Anlass zum Jubel. Den Revanchismus als historische Erscheinung hat niemand verändert. Einzig in der kurzfristigen, aber möglicherweise auch in der mittelfristigen Perspektive ist der Aufstieg Deutschlands ein positiver Faktor für Russland. In jedem Fall müssen wir unseren IÄG errichten, wie er auch immer heißen möge: historisches Russland oder Eurasische Union – das ist unsere einzige, wenn auch bei weitem nicht problemlose Chance.

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Die Logik des europäischen Gleichgewichts fordert die Bildung eine Kontrabalance zu Deutschland, das könnte die anglo-französische Union werden, weniger wahrscheinlich eine franko-russische (wegen der Verbindung Deutschlands mit der Russischen Föderation), und noch weniger möglich eine anglo-französiche-russische – wegen der traditionellen historischen Konfrontation der Briten und Russen in Eurasien, im Besonderen im Kaukasus und in Zentralasien. Aber insofern sich diese Regionen heute im Großen Spiel-2 entfalten, in dem die britischen und russischen Interessen wieder zusammenstoßen, so wird die Entente-2 kaum möglich sein. Im besten Fall – eine britisch-französische Union im Geiste dessen, was in der nachnapoleonischen Epoche stattfand.

Die Aktivierung der Briten in Eurasien und der Welt fordert die Veränderung der Beziehungen mit dem amerikanischen „Cousin“, aber insbesondere – die ernsthafte Schwächung des Kurses der anglo-amerikanischen Einheit, verkündet in den 1890iger Jahren durch Cecile Rodhes und seit dem aktiv entwickelt. Und die Tendenz zu solcher „Scheidung“ ist vorhanden: im Februar 2005 im Oberhaus (House of Lords) klang der (Auf-)ruf zur „Bostoner Teaparty“, aber umgekehrt. (Die Bostoner Teaparty ist eine historische Episode des Kampfes der nordamerikanischen Kolonie Englands für die Unabhängigkeit. Die Entscheidung der englischen Regierung im Jahr 1773 der Ost-Indischen Gesellschaft das Recht der zollfreien Einfuhr des Tees in die nordamerikanische Kolonie anzubieten, führte zur Unterwanderung der Wirtschaft der Kolonie und verursachte die Empörung der Kolonisten, besonders der Kaufleute, die sich mit dem Verkauf von Schmuggeltee beschäftigten. Im Dezember 1773 drang eine Gruppe der Organisation „Söhne der Freiheit“ in den Ankunftsbereich des Bostoner Hafens ein und warf eine große Menge des Tees der englischen Schiffe ins Meer. Die anschließende Schließung des Bostoner Hafens, das Versammlungsverbot für die Einwohner und die Einquartierung englischer Soldaten in der Stadt verschärfte den Konflikt zwischen der Metropole und der Kolonie noch mehr. – „SP“) Am anderen Ufer des Atlantik ist Obama auch kein großer Anhänger der anglo-amerikanischen Einheit im Geiste Rhodes.

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Original des Interviews mit Andrej Fursow

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