Ukrainische Parlamentsabgeordnete Schilowa zum Bürgerkrieg in der Ukraine

Übersetzung des Artikels auf professorsblogg.com: Solveigh Calderin

In einer grundsätzlichen Rede fordert die Ukrainische Parlamentsabgeordnete Viktoria Schilowa die Regierung Poroschenko auf, den Bürgerkrieg zu beenden und nennt die tatsächlichen Zahlen der Kriegsverluste.

Ein wichtiges Dokument: Ein Mitglied des Ukrainischen Parlaments, Frau Viktoria Schilowa, wandte sich in einem Video an die Öffentlichkeit über die grundsätzlichen Fragen des andauernden Bürgerkrieges in der Ukraine. Ihre Rede beinhaltet wertvolle Informationen über die tatsächliche Anzahl der durch die ukrainischen Armee erlittenen Verluste, die durch die Poroschenko Regierung gegenüber der Öffentlichkeit verheimlicht werden. Hier unten ist ein Transkript ihrer mutigen Anti-Kriegs-Rede.

„Ich nenne das BÜRGERKRIEG, bestimmt NICHT Anti-Terror-Operation“
„Ich nenne das BÜRGERKRIEG, bestimmt NICHT Anti-Terror-Operation“

I.

Hallo, mein Name ist Viktoria Schilowa. Ich bin ein Mitglied des ukrainischen Parlaments und repräsentiere den Dnepropetrowsker Bezirk. Ich werde russisch sprechen, so können mich alle slawischen Brüder verstehen.

 

Wollen die ukrainischen Menschen Krieg?

Bitte, stellen Sie sich diese Frage zunächst selbst. Wollen Sie Krieg? Wollen Sie, dass unschuldige Menschen sterben? Wollen Sie, dass Ihre Verwandten, Familienmitglieder, Kinder, Ihr Ehemann oder Ihre Ehefrau, Ihre Großmutter oder Ihr Großvater getötet werden? Ich bin zu einhundert Prozent sicher, dass Ihre Antwort NEIN ist.

Was passierte dann in den letzten vier Monaten in der Ukraine? Ich nenne es Bürgerkrieg, ganz bestimmt nicht Anti-Terror-Operation. In meinen Augen können nur SWAT Einheiten oder Anti-Terror Einheiten eine Anti-Terror-Operation durchführen. Wie wäre es möglich, dass über acht Millionen Terroristen im Donbass wohnen?

Acht Millionen Terroristen, auf ihrem (eigenen ukrainischen) Boden, so nennt Poroschenko das. Einschließlich Kinder und ältere Menschen. Was denken Sie, kann eine behinderte Person ein Anti-Luft-Abwehrsystem abfeuern? Oder vielleicht ist es ein Kind, wie Jegor Aleksandrow, der in den Armen seiner Mutter getötet wurde. Einfach in der Nähe von Kramatorsk getötet, hielt er eine Waffe? Natürlich nicht.

 

Heute sind die Mörder in unserer Regierung

Wir, die ukrainischen Menschen haben den Janukowitsch-Dieb (der vorherige Präsident) durch Poroschenko, den Mörder ersetzt! Und heute denkt unsere Regierung, dass die Mehrheit der ukrainischen Menschen durch die Propaganda des nationalen Fernsehens gehirngewaschen ist. Ich möchte sie enttäuschen: Die neueste unabhängige soziale Umfrage ergibt, dass 75 % der Ukrainer gegen den Krieg sind.

Die meisten von ihnen fürchten, Ihre Meinung in der Öffentlichkeit zu sagen, weil sei eingesperrt, verhört, gekidnappt oder sogar getötet werden könnten. Alles kann in der Ukraine heute geschehen, weil wir Diebe durch Mörder ersetzt haben!

Was geschieht im Donbass? Acht Millionen Menschen sind unter Beschuss; sie nennen mich einen Terroristen, aber was werden sie darüber sagen, was die Soldaten der 27. 79. und 24. Brigade tun, wenn sie zurückkommen? Was sagt Nadeshda Sawtschenko? Nun, sie sagt, dass im Donbass dieselben Ukrainer leben, unsere Brüder, dieselben Menschen, die in Lwow, in Iwano-Frankowsk und in Kiew leben und sie sind ganz bestimmt keine Terroristen!

Sie sind Rebellen, Bergarbeiter, unsere Bürger. Aber natürlich wird das nicht in unserem nationalen TV gezeigt. Einzig, weil alle diese TV-Kanäle den Oligarchen gehören! Alle unsere nationalen Fernsehsender gehören unseren größten Oligarchen-Feinden.

 

Und die Oligarchen?

Sie sind Blutsauger. Wie Vampire, sie saugen unser Blut, das Blut der ukrainischen Menschen.

Seit 23 Jahren haben sie unsere Seelen ausgesaugt, aber das ist für sie nicht genug. Und nun, nach dem virtuellen Blutsaugen, begannen sie, wirkliches Blut zu saugen, das Blut unserer Kinder im Donbass, das Blut unserer Mütter und Schwestern, unserer Söhne, Ehemänner und –frauen.

 

Zu den realen Zahlen der Verluste im ukrainischen Krieg:

Kennen Sie die reale Zahl der getöteten Zivilisten? Ich werde es Ihnen erzählen. Und es ist die Wahrheit. Es sind ungefähr 6.000 Zivilisten getötet worden. Jeden Tag werden etwas 170 bis 200 Menschen getötet. Die ukrainische Armee tötet sie mit 122-mm-Mehrfachraketenwerfern, nur weil ihnen erzählt wurde, sie würden gegen russische Terroristen kämpfen. Nur weil es ihnen so von Poroschenko und dem nationalen TV erzählt wurde.

Wie aber die Zeit vergeht, erkennt unsere Armee, was im Donbass wirklich passiert. Und jeder der diesen blutigen Krieg erfahren hat, beginnt jetzt, die Wahrheit zu erzählen; gegen Poroschenko. Sie sagen, dass ihnen im Donbass ukrainische Menschen gegenübersgtehen. Sie sagen, dass wir mit Verhandlungen anfangen sollten. Wir sollten diesen blutigen Bürgerkrieg beenden.

 

Und jetzt. Lassen Sie uns über die Verluste der ukrainischen Armee sprechen:

Viktoria Schilowa über die Verluste in der ukrainischen Armee: „Es sind ungefähr 11.000 Soldaten verloren. Es kann durch gehackte e-mails des ukrainischen Verteidigungsministeriums überprüft werden. Und etwa 19.000, wenn wir die verlorenen und verletzten Soldaten zählen. Verletzte, das sind die im Krankenhaus, was ist mit den Verletzten, die zurück gelassen wurden?"

Viktoria Schilowa über die Verluste in der ukrainischen Armee:
„Es sind ungefähr 11.000 Soldaten verloren. Es kann durch gehackte e-mails des ukrainischen Verteidigungsministeriums überprüft werden. Und etwa 19.000, wenn wir die verlorenen und verletzten Soldaten zusammenzählen.
Verletzte, das sind die im Krankenhaus, was ist mit den Verletzten, die zurück gelassen wurden?“

 

Es sind ungefähr 11.000 Soldaten verloren. Es kann durch gehackte e-mails des ukrainischen Verteidigungsministeriums überprüft werden. Und etwa 19.000, wenn wir die verlorenen und verletzten Soldaten zusammenzählen.

Verletzte, das sind die im Krankenhaus, was ist mit den Verletzten, die zurück gelassen wurden?

Und was ist mit den anderen, die die Wahrheit sagen und in psychiatrische Kliniken geschickt wurden?

 

II.

Ukrainer, ukrainische Menschen überall auf der Welt, ich bitte Sie, die ukrainische Propaganda zu druchbrechen.

Mein Herz leidet für die Menschen aus Lwow, Drobowotsche, Lugansk und Donezk.

Aber heute schmerzt mein Herz wegen der Menschen in Donezk und Lugansk. Weil dort Kinder getötet werden.

Und nun, Mütter, frage ich, was würden Sie sagen zu diesem neuen Präsidenten, wenn Ihr Haus zerstört oder schlimmer, ihre Kinder getötet würden?

Würden Sie ihn unterstützen? Natürlich nicht. Darum sinkt die Unterstützung für ihn und sie wird weiter sinken, weil er mit Blut bedeckt ist.

Und wenn die Anzahl toter unschuldiger Menschen höher als 22,000 sind – einschließlich die der Armee – ist es nicht mehr möglich, die Wahrheit zu verstecken. Die Wahrheit kommt durch sich selbst heraus und darum sehen wir andere Gesichtspunkte. Nicht nur in Russland, sondern auch in Europa und den USA. Deutsche Journalisten, Briten, Italiener und Franzosen protestieren gegen den Krieg im Donbass und gegen Poroschenko, der die eigenen Leute tötet. So, was haben wir getan und was habe ich, Viktoria Schilowa, getan? Wir haben ein Dokument vorbereitet und haben es unabhängigen Rechtsanwälten in der Ukraine gegeben, um diese Angelegenheiten unseren Gerichten zu übergeben. Und wissen Sie, was dort geschrieben steht?

Wir fordern dass entschieden wird, dass es verfassungswidrig ist, die sogenannte Anti-Terror-Operation im Donbass durchzuführen. Wir fordern, dass die Menschen, die darin verwickelt sind, unsere Verfassung zu brechen, zu bestrafen, die Mitglieder des ukrainischen Parlamentes, die gesetzwidrig im Kongress abgestimmt haben. Sie, die wiederrechtlich die von Poroschenko unterschriebenen Eingaben zur sogenannten Anti-Terror-Operation bestätigt haben. Das beinhaltet den gesetzwidrigen Einsatz der ukrainischen Armee gegen die Zivilbevölkerung der Ukraine.

Wir haben keinen Krieg. Wir haben kein offiziell verkündetes Kriegsrecht. Da das Kriegsrecht offiziell nicht gilt, wie konnte die ukrainische Armee auf dem Territorium des Donbass eingesetzt werden? Gesetzwidriger Einsatz der Militär-Reserve. Und nach der Verfassung kann sich jeder Bürger der Ukraine selbst gegen jede Aggression verteidigen, um sein Leben zu schützen.

Eine Armee darf nicht die eigenen Bürger auf seinem Boden verletzen. Und es ist in unserer Verfassung geschrieben. Bitte öffnen Sie dieses goldene Buch, das Verfassungsbuch, und schauen sie selbst nach. Aber leider haben wir die Regierung der Diebe durch die Regierung der Mörder ersetzt. Und jetzt fließt das Blut überall in unserem Land, der Ukraine.

 

Ich wende mich an alle Menschen der Ukraine

An alle, die Bogdan Hmelnickiy, Taras Schewtschenko achten und an all diejenigen, die sich an die gelb-blaue Flagge erinnern, die durch Gruschewskij erschaffen wurde. Ich wende mich an all die 75 Prozent der Ukrainer, die gegen den Krieg und für den Frieden sind.

Wir sollten uns vereinen und ein neu gewählte Regierung fordern, um das Recht und die Verfassung zu respektieren.

Stoppt die so genannte Anti-Terror-Operation, den blutigen Bürgerkrieg. Und wir fangen an zu verhandeln, wir liefern humanitäre Hilfe, helfen den Menschen, die Katastrophe zu überleben.

 

An diejenigen, die an der Seite Poroschenkos kämpfen:

Warum kämpfen Sie mit Poroschenko gegen die Kinder des Donbass?

Sie können das nicht tun, denn sie werden bestraft. Die Menschen haben den Preis für diese unmenschlichen Fehler zu bezahlen. Das Tribunal von Hague erwartet Sie. Darum wird unsere Armee nicht mehr auf Sie hören. Und darum wird Ihnen ihre Militärmobilisation nicht mehr helfen. Tag für Tag erkennen die Menschen und finden die Wahrheit, sie wollen nicht Teil Ihrer Morde sein.

 

An die Oligarchen:

Sie, die Sie Ihr Kapital jeden Tag akkumulieren, haben diesen Krieg begonnen. Sie sind diejenigen, die diesen Krieg brauchen, weil sie dann den Krieg für die Wirtschaftskrise verantwortlich machen können, das ist der Grund, warum der Krieg wirklich begonnen wurde. In der Ukraine wird nun dank Ihnen Blut vergossen.

Aber die ukrainischen Menschen sind gegen den Krieg. Die Ukrainer wollen keinen Krieg.

Aber wir wollen Frieden.

 

III.

Menschen:

Bitte lassen Sie uns vereinen.

Lassen Sie uns gegen diesen Krieg protestieren. Lassen Sie uns gehört werden, genau wie während des Vietnamkrieges.

————

Wie lange wollen Sie uns bombardieren? Wie lange wollen Sie auf uns schießen?

Wie lange?

Wir werden seit Monaten bombardiert.

Bitte stoppen Sie das. Ich kann nicht glauben, dass sie keinerlei Güte in sich haben.

Sind sie keine Menschen?

Was tun Sie? Uns bombardieren, beschießen?

Was tun Sie?

Viktoria Schilowa

Die Zweite Front

von Petr Akopow am 05. März 2014 auf „Vsgljad“ (Blick) veröffentlicht
(kollektive – unautorisierte – Übersetzung)

Diejenigen, die glauben, dass Putin ein wahnsinniges Risiko eingeht (oder gar verrückt geworden ist), verstehen nichts von seiner Politik und seinem Charakter. Und sie verstehen noch weniger, welch geopolitische Schlacht gerade unter dem Deckmantel der ukrainischen Krise ausgetragen wird.

Alle Aktionen des Präsidenten in der ukrainischen Krise zeugen davon, dass er sich nicht ein kleines bisschen verändert hat, nur waren wenige seiner Gegner in der Lage, seine Motive und Beweggründe seiner Regierung der letzten 14 Jahre zu verstehen.

Das einzige, was in den letzten Tagen mit Wladimir Putin geschah – er hat endgültig aufgehört, an die Fähigkeit der Führer der westlichen Mächte zu glauben, ihr Wort zu halten. Sie haben ihn am 21. Februar ganz banal belogen – und alle nachfolgenden Handlungen des Präsidenten beruhen grundsätzlich auf gerade dieser Tatsache.

Aus diplomatischen Quellen Sergej Lawrows [Außenminister Russlands] wurde bekannt, dass Barack Obama und Angela Merkel Putin darum baten, Viktor Janukowitsch zum Unterzeichnen eines Abkommens mit der Opposition zu bewegen, dessen Garanten drei europäische Außenminister waren. Putin ging darauf ein – und am nächsten Tag übernahmen die Opposition und der Maidan die Macht, sämtliche Vereinbarungen brechend. Sie sagen – Revolution, die Opposition konnte das Volk schon nicht mehr zurückhalten? Doch selbst wenn es eine „Revolution“ ist – warum hat sich der Westen hier so beeilt, die neue Führung anzuerkennen und sich an die Vereinbarungen nicht einmal mehr zu erinnern? Warum hat der Westen nicht zumindest versucht, den Eifer der Gewinner zu bremsen? Zumindest dazu bestanden alle Möglichkeiten.

Oder wollte der Westen dieses Spiel nur zur Eskalation spielen, um den Konflikt noch weiter anzuheizen; und zwar mit absolut allen Mitteln (wie die Geschichte der geheimnisvollen Scharfschützen bestätigt, die gleichzeitig sowohl „Berkut“- Leute als auch „Maidan“-Leute umbrachten).

Die Antwort ist einfach: weil die Ankunft einer antirussischen Regierung vollkommen den Interessen des Westens entsprach, aber niemand vorhatte, Russland zu respektieren. Deswegen wurde so getan, als habe man vergessen, worum man Putin wortwörtlich noch am Vorabend bat.

So etwas nennt sich „Betrug“ – und gewöhnlich passiert das nicht umsonst. Umso mehr, wenn es sich um persönliche Beziehungen zwischen Staatsoberhäuptern handelt – wenn nicht nur Du, sondern auch Dein Land betrogen wird. Übrigens, das letzte Mal, vor drei Jahren, haben die USA auch Dmitri Medwedew betrogen, indem sie versprachen, bei russischer Unterstützung der UN-Resolution Libyen nicht anzugreifen – diesen Betrug nahm damals gerade Putin und nicht der amtierende Präsident übel.

Was muss Putin nach dem 21. Februar empfunden haben? Dass man absolut keinen Worten der sogenannten „Partner“ trauen kann? Dass die Ukraine nicht nur von Russland abgerissen wird (das haben alle auch so verstanden), sondern dass versucht wird, das nach dem härtesten und beschleunigten Szenario zu tun. Die Umsetzung der Vereinbarungen vom 21. Februar ermöglichte es, die Wahlen zu organisieren und eine Verfassungsreform durchzuführen und dabei das Gleichgewicht der Interessen der verschiedenen Regionen der Ukraine zu wahren. So könnte das Land ein wenig zur Ruhe kommen und nüchtern alle Vor- und Nachteile der Zusammenarbeit mit Russland und dem Westen abwägen. Der Putsch brachte die Situation an den Rand der Spaltung des Landes.

Das Erlangen westlicher Macht bedeutete nicht nur den unvermeidlichen Angriff auf die Rechte des Süd-Ostens, sondern auch den forcierten Abschluss der Vereinbarungen mit der EU und kurze Zeit später den Eintritt in die NATO.

Der US-Außenminister kam nach Kiew, um die neuen Politiker, die an die Macht kamen, zu unterstützen. Auf dem Foto sieht man ihn zusammen mit dem Vertreter des Präsidenten der Ukraine, Oleksandr Turchynov (links) und Vertreter des Ministerpräsidenten Arsenij Jazenjuk (rechts)

Der US-Außenminister kam nach Kiew, um die neuen Politiker, die an die Macht kamen, zu unterstützen. Auf dem Foto sieht man ihn zusammen mit dem Vertreter des Präsidenten der Ukraine, Oleksandr Turchynov (links) und Vertreter des Ministerpräsidenten Arsenij Jazenjuk (rechts)

Unter diesen Bedingungen war Wladimir Putin einfach gezwungen, dem Westen zu demonstrieren, dass Russland auf keinen Fall „die Entführung der Ukraine“ zulassen wird. Genau darum hat er die Möglichkeit verkündet, Truppen einzusetzen, worauf er als Antwort die absurden Vorwürfe bekam, er habe der Ukraine angeblich den Krieg erklärt. Putin erklärte dem Westen den Krieg – allerdings nicht auf dem Territorium der Ukraine, sondern auf der geopolitischen Ebene. Die Unterstützung der Krim in diesem Krieg wurde einfach eine Demonstration dafür, dass Russland das große Gegenspiel startet und der Westen mit Russland die neue Konfiguration der Kiewer Regierung verabreden muss, anstatt so zu tun, als habe man die Existenz der Russen einfach vergessen.

Die Hysterie, die im Westen begann, ist ganz natürlich – wie denn, wir haben alles so wie immer gemacht und in der Vergangenheit klappte das auch alles. In der postsowjetischen Periode haben sich die Angelsachsen so sehr daran gewöhnt, dass nur sie die Spielregeln festlegen (und jederzeit beliebig ändern), dass sie einfach erstaunt waren, als sich herausstellte, dass Russland beschlossen hat, seine eigenen Regeln zu diktieren. Russland begann damit nicht etwa, weil Putin sich so sehr geändert und Erfahrung und Kraft gesammelt hat (obwohl es klar ist, dass 14 Jahre Führung eines der schwierigsten Länder der Welt und das Spielen auf der Weltbühne, auch noch nach den Regeln anderer, enorme Erfahrung geben), wesentlich wichtiger sind zwei andere Faktoren.

Erstens, ist in der Geopolitik der Zeitpunkt gekommen, in der das globale Gleichgewicht der Kräfte eine langsame, aber radikale Umstrukturierung erlebt – und das verstehen alle. Von der unipolaren driftet es zur mehrpolaren – entgegen dem Wunsch der USA, die sich mit dem Untergang ihrer Ära noch immer nicht abfinden können. Dabei fürchten die übrigen Länder der Welt, plötzliche Bewegungen vorzunehmen, weil sie weder den Einsturz der globalen Finanzarchitektur noch regionale Kriege provozieren wollen. Vor allem, da sie beobachten wie die USA mit ihrer Schwächung immer aggressiver werden, wobei sie hoffen, durch das Chaos in anderen Regionen, diese zu schwächen und dadurch die eigene Hegemonie zu verlängern.

Die finanzielle und allgemeine Sicherheit praktisch aller Länder der Erde befindet sich in verschiedenen Stufen in Abhängigkeit der FED, CIA und des Pentagon – und das gefällt zunehmend selbst denjenigen nicht, die sich an die Freiheit von den USA fast nicht mehr erinnern (zum Beispiel Deutschland). Alle wollen sich vor dem Fallen der Splitter der verminten, aber noch nicht gestürzten Türme in Sicherheit bringen, und niemand ist bereit, die Schnur anzuzünden. In dieser Situation kann die Ukraine zur Lunte werden. Putin, der eines der wichtigsten Machtzentren darstellt, ist bereit, den Prozess der Umformatierung dramatisch zu beschleunigen.

Die Welt auf amerikanische Art war auch so verurteilt, aber jetzt wird ihre Demontage nach dem beschleunigten Szenario laufen. Als die USA die Herausforderung auf die Ukraine warf, hat Putin die mögliche Reaktion Washingtons sehr gut berechnet – und er ist überhaupt nicht dagegen, dass die USA versuchen, Russland zu isolieren. Um dies zu tun, werden sie selbst eine Inspektion der vorhandenen Kräfte durchführen und den Prozess der Herausbildung der vielpolaren Welt anregen. Die USA wird einfach ohne Verbündete bleiben – außer einem Teil der NATO-Mitglieder wird niemand von den großen Mächten und den regionalen Blöcken Obama unterstützen. Lateinamerika, Afrika, Saudi-Arabien, ja, praktisch die ganze arabische und muslimische Welt, die Türkei, Südostasien, Indien, China – niemand wird an der Blockade Russlands teilnehmen.

In der Isolierung werden sich die Länder der „G-7″ selbst finden, genauer gesagt nur die USA (in der Gesellschaft Polens, Kanadas, Australiens und der Balten), denn weder für Deutschland, noch Frankreich, Japan, Italien, sogar Großbritannien ist der Bruch der Beziehungen mit Russland vorteilhaft. Aber viel wichtiger ist die Position der übrigen Welt – gerade dort hat sich eine Masse von Ansprüchen an die «goldene Milliarde» und Forderungen über die Veränderung der globalen Architektur angesammelt (vom kardinalen Reformieren des globalen Finanzsystems bis zur Erweiterung der Anzahl der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats). Die zähe Verteidigung der Interessen Russlands wird allen anderen Spielern Vertrauen in die eigenen Kräfte geben und Putin zu ihrem tatsächlichen Leader machen.

Zweitens war Putin jetzt einfach gezwungen, auf die direkte Bedrohung der Staatssicherheit Russlands zu reagieren, denn der Verlust der Ukraine für unser Land ist unannehmbar. Im vorigen Jahr hat Putin zweimal seine Bereitschaft demonstriert, den Schlag zu parieren: erst in der Geschichte mit Snowden und später auch in Syrien. Sein dritter Sieg – im November in der Ukraine –hat den Westen so verärgert, dass er sich entschieden hat, sich in Kiew um jeden Preis für alles zu revanchieren. Ohne erkennen zu wollen, ohne das Verständnis, wovor Putin warnte: „Niemand sollte Illusionen bezüglich einer Chance haben, eine militärische Überlegenheit über Russland zu erhalten. Wir werden das niemals zulassen“.

Die Eurointegration der Ukraine braucht der Westen nur für ihre nachfolgende Verschleppung in die NATO. Und Putin hat dies nach dem 21. Februar sehr gut verstanden als sich der Westen entschieden hat, mit den Interessen Russlands überhaupt nicht zu rechnen. Er hat gesehen, dass die atlantische Absorption der Ukraine schon eine Frage der nächsten Zukunft sein wird. Putin konnte sich einfach nirgendwohin mehr zurückziehen. Es war nötig, schnell unsere Entschlossenheit zu demonstrieren dieses Szenario nicht zuzulassen.

Im Ergebnis stehen wir an der Schwelle des ernstesten Konfliktes mit den USA der letzten 30 Jahre – nicht eines militärischen Zusammenstoßes sondern eines harten politischen und wirtschaftlichen Bruches, der die Änderung der gesamten globalen Architektur startet. Dahin steuerte alles schon seit vielen Jahren – sowie Russland begann, sich vom Status eines halbabhängigen Landes zu befreien. Je freier Putin agierte, je klarer es für den Westen wurde, dass Russland unwiderruflich auf die Rolle des „Juniorpartners“ endgültig verzichtete, desto schneller näherte sich der Moment, an dem sie versuchen mussten uns unseren Platz zuzuweisen.

Während der gesamten letzten zwei Jahre nach der Rückkehr in den Kreml bereitete sich Putin darauf vor, nicht nur an der Außen-, sondern auch an der inneren Front. Mit der Nationalisierung der Elite, mit der Andeutung der moralischen und ideologischen Grenze zwischen uns und dem Westen, mit dem Beseitigen von korrupten und kosmopolitischen Kadern, mit der Forderung der Beendigung der offshore-Wirtschaft festigte er Russlands Rücken. Natürlich, sehr vieles innerhalb des Landes konnte er noch nicht korrigieren, er konnte es nur aufzeigen. Macht nichts – jetzt wird die Operation „Befreiung“ an zwei Fronten im beschleunigten Tempo vorangehen.

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