Mitwisser und Profiteure

Übernahme des Artikels von german-foreign-policy, wo die Quellen und weiterführende Links zu finden sind

Die sich am Ende des Artikels befindlichen Bilder wurden von mir hinzugefügt.

11.12.2014
BERLIN/WASHINGTON
(Eigener Bericht) – Der jetzt veröffentlichte US-Senatsbericht über die Folterpraktiken der CIA wirft erneut Fragen zur Mitwirkung Deutschlands an Verbrechen im „Anti-Terror-Krieg“ auf. Der Bericht erwähnt den Fall eines Deutschen, der in ein geheimes Haftzentrum in Afghanistan verschleppt wurde. Obwohl der Bundesnachrichtendienst (BND) frühzeitig über die Entführung informiert wurde, leitete Berlin keine Schritte gegen die Straftat an. Späte Bestrebungen der Justiz, den Fall vor Gericht zu bringen, wurden von der Bundesregierung vereitelt. Details aus dem US-Senatsbericht rufen weitere deutsche Fälle in Erinnerung, etwa denjenigen eines Mannes aus Bremen, der in Kandahar (Afghanistan) gefoltert wurde. Das dortige Internierungslager, in dem Verbrechen bis hin zu Mord geschahen, wie sie in dem US-Bericht geschildert werden, wurde von deutschen Elitesoldaten bewacht. Aussagen des damaligen CIA-Europachefs deuten darauf hin, dass das Bundeskanzleramt schon im Oktober 2001 zumindest über die CIA-Verschleppungen informiert gewesen ist; Kanzleramtschef war damals Frank-Walter Steinmeier. Bundesjustizminister Heiko Maas fordert: „Alle Beteiligten müssen auch strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden.“ Ermittlungen zumindest gegen mutmaßliche Mitwisser, deren Stillschweigen half, die Taten zu verüben, könnten in Deutschland aufgenommen werden.

Offiziell bestätigt
Weltweites Entsetzen hat die Veröffentlichung des Berichts über die CIA-Folterpraktiken im „Anti-Terror-Krieg“ hervorgerufen, den der Geheimdienstausschuss des US-Senats am Dienstag offiziell vorgelegt hat.[1] Der Bericht, der mehr als 500 insgesamt stark zensierte Seiten umfasst, weist im Detail nach, was im Grundsatz bereits lange bekannt ist: dass die CIA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 brutale, auch tödliche Folter gegen eine Vielzahl an Verdächtigen angewandt hat. Der Bericht dokumentiert zum Beispiel simuliertes Ertränken (als „Waterboarding“ berüchtigt) und Schlafentzug von bis zu 180 Stunden; Gefangene wurden von CIA-Männern in Eiswasser getaucht, gegen Zellenwände geschleudert, in Kisten gesperrt oder verprügelt. Dabei wurden Menschen zu Tode gebracht, ohne dass die Täter, sofern sie überhaupt ermittelt wurden, auch nur irgendwie zur Rechenschaft gezogen wurden. Damit sind – nach verdienstvollen Recherchen einiger US-amerikanischer Journalisten, die zahlreiche Praktiken des „Anti-Terror-Kriegs“ offengelegt haben [2] – die Staatsverbrechen eines der engsten Verbündeten der Bundesrepublik im gemeinsam geführten „Anti-Terror-Krieg“ nun auch offiziell bestätigt.

„Keine Straflosigkeit!“
Bei den Vereinten Nationen werden Rufe nach strafrechtlicher Verfolgung der Täter und ihrer Auftraggeber laut. „Jetzt ist die Zeit zu handeln – die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, fordert der UN-Sonderberichterstatter für Terrorismusbekämpfung und Menschenrechte, Ben Emmerson: Schließlich seien „systematische Verbrechen und grobe Verletzungen der internationalen Menschenrechtsgesetze“ begangen worden. Straflosigkeit müsse im Fall der dokumentierten Folter unbedingt vermieden werden, verlangt der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Zeid Ra’ad al Hussein: Die UN-Anti-Folter-Konvention „entlässt niemanden aus der Verantwortung – weder die Folterer selbst, noch die politischen Entscheidungsträger, noch die Beamten, die die Politik bestimmen oder die Befehle geben.“[3]

„Unsere rechtsstaatlichen Werte“
Forderungen, den Tätern umgehend den Prozess zu machen, werden nun auch in Deutschland laut. „Die Folterpraxis der CIA ist grauenhaft. Solche Methoden sind durch nichts gerechtfertigt“, lässt sich etwa Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) zitieren: „Das ist eine grobe Verletzung unserer rechtsstaatlichen Werte. Alle Beteiligten müssen auch strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden.“[4] Auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann erklärt: „Ich erwarte, dass sich die Bundesregierung für eine Strafverfolgung der Verantwortlichen einsetzt“.[5] Die Regierung könnte in der Tat sofort beginnen – im eigenen Land.

Außenpolitische Folgen
Der US-Senatsbericht schildert beispielsweise den Fall des deutschen Staatsbürgers Khaled el Masri, der Ende 2003 auf einer Auslandsreise in Mazedonien festgehalten, dann in ein Geheimgefängnis in Afghanistan verschleppt und dort gefoltert worden war. Einige Monate später wurde er entlassen. Obwohl ein Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes schon im Januar 2004 über die Entführung informiert wurde, schritt die Bundesregierung nicht gegen das Verbrechen ein. Auch als US-Botschafter Daniel Coats im Mai 2004 Bundesinnenminister Otto Schily offiziell über die Verschleppung in Kenntnis setzte und erklärte, El Masri werde nun wieder freigelassen, unternahm Berlin nichts. Aktiv wurde die Bundesregierung hingegen, als die Staatsanwaltschaft München – erklärtermaßen nur unter dem „Druck der Medien“ – Anfang 2007 Ermittlungen gegen 13 CIA-Agenten einleitete, die verdächtigt wurden, in El Masris Entführung involviert gewesen zu sein.[6] Auf besorgte Anfragen von US-Stellen habe das – heute von Heiko Maas geführte – Bundesjustizministerium beruhigen können, heißt es in einem Bericht, der auf der Auswertung von WikiLeaks-Dokumenten beruht: Internationale Haftbefehle könnten nur nach behutsamer Prüfung des Ministeriums unter Berücksichtigung der „außenpolitischen Folgen“ ausgestellt werden. Dass Berlin im Fall El Masri die „außenpolitischen Folgen“ verständnisvoll abwägen werde, ließ sich Washington danach auch vom Auswärtigen Amt bestätigen. Noch 2007 entschied die damalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries – wie Maas Mitglied der SPD -, sich nicht um die Auslieferung der verdächtigen CIA-Agenten zu bemühen.[7] Der Justizminister dürfte hinlänglich Akten im eigenen Hause finden, um im Fall El Masri erneut die Strafverfolgung einzuleiten.

Im Folterzentrum
In dem US-Senatbericht wird ebenfalls erwähnt, dass Gefangene in geheimen US-Haftzentren an die Decke gekettet wurden. Dies ist auch dem Deutschen Murat Kurnaz widerfahren, der bereits Ende 2001 in ein Internierungslager im afghanischen Kandahar verschleppt worden war. Kurnaz hing dort fünf Tage lang an der Decke eines unbeheizten Flugzeugschuppens – und musste mit ansehen, wie ein Mitgefangener durch diese Foltermethode ums Leben kam und ein zweiter von US-Militärs zu Tode geprügelt wurde. Erstaunlicherweise verfügten die Folterer bereits während Kurnaz‘ ersten Verhörs über detaillierte Kenntnisse seines deutschen Lebensumfelds, wie man sie von deutschen Geheimdiensten erwarten würde. Aufklärung darüber, wie es dazu kommen konnte, ist nie erfolgt. Kurnaz hat seinen Leidensweg und seine Erlebnisse in einem Buch festgehalten, in dem er unter anderem auch beschreibt, wie er in dem US-Haftzentrum in Kandahar von Soldaten der deutschen Elitetruppe „Kommando Spezialkräfte“ (KSK) misshandelt wurde.[8] Die deutsche Justiz hat Ermittlungen aufgenommen, sie aber nach einiger Zeit ergebnislos wieder eingestellt. Vor dem Hintergrund des aktuellen US-Berichts könnte die Bundesregierung allerdings prüfen, wie die Tatsache zu bewerten ist, dass deutsche Elitesoldaten ein Internierungslager bewachten, in dem Verbrechen verübt wurden, die jetzt weltweit für Entsetzen sorgen.

Verdächtige Verhöre
Niemals aufgeklärt worden sind beispielsweise auch Vorwürfe, die ein Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) im Jahr 2005 erhoben hat. Der Mann war im Herbst 2002 nach Beirut entsandt worden, um einen dort inhaftierten, aus Deutschland eingereisten Terrorverdächtigen zu vernehmen. Im Verlauf des Verhörs, bei dem er nicht selbst zugegen sein, sondern nur schriftliche Fragen einreichen durfte, schöpfte der professionell geschulte BKA-Mann begründet Verdacht, es werde Folter angewandt – eine beklemmende Vermutung, die bald durch Berichte von Menschenrechtsorganisationen unterfüttert wurde. Ähnliches ist offenkundig auch deutschen Verschleppungsopfern in Gefängnissen in Damaskus widerfahren.[9] Der in Beirut eingesetzte BKA-Beamte informierte seinen Behördenleiter und, weil Reaktionen ausblieben, schließlich auch Abgeordneter sämtlicher Bundestagsparteien, unter ihnen die damalige Oppositionsführerin Angela Merkel.[10] Der Fall wurde ausgesessen. Die offenkundige Involvierung in Folterverhöre im Ausland, von denen deutsche Behörden profitierten, könnte jederzeit zum Gegenstand von Ermittlungen der deutschen Justiz werden.

Im Kanzleramt
Zumindest einen Anfangsverdacht könnten auch Aussagen des ehemaligen CIA-Europachefs Tyler Drumheller begründen. Drumheller hat schon vor Jahren berichtet, er habe sich im Oktober 2001 in Europa aufgehalten und auch „bei Uhrlau im Kanzleramt gesessen“.[11] Ernst Uhrlau, von Dezember 2005 bis Dezember 2011 Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), war im Herbst 2001 als Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung auch mit den damaligen Aktivitäten des BND-Partnerdienstes CIA befasst. Sein unmittelbarer Vorgesetzter war Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier. Drumheller erinnert sich: „Die Hauptsorge unserer Verbündeten war: Unilaterale US-Aktionen auf europäischem Boden, Terroristen abfischen ohne ihre Genehmigung, um die dann in einen Drittstaat zu schicken.“ Auf diese Einwände hin habe er „versprochen, unsere Verbündeten bei Operationen einzubeziehen“. Treffen Drumhellers Aussagen zu, dann waren zumindest Teile der rot-grünen Bundesregierung von Anfang an Mitwisser der verbrecherischen US-Verschleppungen.

Inakzeptabel
Bundesaußenminister Steinmeier hat die CIA-Folterpraktiken gestern als einen „schweren Fehler“ eingestuft und erklärt: „Was damals im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus für richtig befunden und dann getan wurde, war inakzeptabel“.[12] Die Rolle Berlins und auch seines damaligen Kanzleramtschefs und heutigen Außenministers im „Anti-Terror-Krieg“ ist nie wirklich aufgearbeitet worden. Auch jetzt richten sich die Aufklärungsforderungen von Justizminister Maas (SPD) nur gegen US-Stellen, nicht gegen Mitglieder seiner Partei, die in der fraglichen Zeit den Bundeskanzler und dessen Amtschef stellte.

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An Frau Merkel und Barack Obama – von einer einfachen russischen Frau

Auf der Facebookseite von Angela Merkel in den Kommentaren gefunden:

Natalja Lewina an Mister Barack Obama (USA) und Frau Angela Merkel (Deutschland):

……………………………….
Ich, eine gewöhnliche russische Frau aus Sibirien, in der Ukraine zur Zeit der UdSSR geboren, Mutter von fünf Kindern, wende mich hiermit an Frau Merkel, die die Lehren der Geschichte vergessen hat, und an Mister Obama, der diese nie gekannt hat.

Nie und niemandem in der Welt war es bisher gelungen, Rußland in die Knie zu zwingen. Wissen Sie warum? Rußland hat nie angegriffen, hat immer nur sich selbst geschützt und andere geschützt. Wie stark auch der Feind war, so lag unsere Hauptkraft nicht in den Waffen, sondern in der Geisteskraft des russischen Volkes und in der Wahrheit. Mit Hilfe der Wahrheit stürzten sich die sowjetischen Soldaten unter deutsche Panzer, nachdem sie sich ein Bündel Granaten umgebunden hatten. Im Winter 1943 bissen sie sich mit den Zähnen in den Boden von Stalingrad, stoppten den faschistischen Vormarsch und schickten die bösen Geister von unserem Land zurück nach Berlin … Haben Sie das vergessen, Frau Merkel? … Die Russen sterben lieber um der Wahrheit willen, als ein Leben auf den Knien zu führen.

Rußland befindet sich jetzt neuerlich im Krieg für die Wahrheit und versucht die Welt aufzuklären, um Sie Ihrer schmutzigen Taten bei der Zerstörung der Ukraine zu überführen. Die Ukrainer und Russen sind in Wirklichkeit ein Volk, aber Sie haben es auseinandergerissen und säen Zwietracht.

In Ihren Massenmedien findet die Wahrheit keinen Platz; die Menschen in Ihren Ländern kennen daher nicht Ihre hinterlistigen Pläne und Absichten und verstehen nicht, wie es zu Ihrer schmutzigen Teilnahme an den Ereignissen kam, die sich in der Ukraine abspielen.

Sie können versuchen, die russische Sprache zu unterdrücken, damit Sie nicht sofort der Lüge überführt werden. Aber wir werden die Wahrheit schreiben, und sie wird gelesen werden.

Sie können versuchen, einem Russen die Hände auszureißen, aber er wird lernen, mit den Füßen die Wahrheit zu schreiben.

Sie können versuchen, einem Russen die Füße ausreißen, aber er wird weiter mit den Zähnen Morsezeichen klopfen und dies so laut, daß es auf der ganzen Welt gehört wird.

Sie können versuchen, einem Russen die Zähne zu ziehen, aber er wird weiter mit dem Kopf nicken und gestikulieren, um die Wahrheit zu verkünden …

Sie können versuchen, und Sie haben es schon versucht, uns umzubringen, aber im Frühjahr wird durch den Asphalt der Straßen erneut der Löwenzahn sprießen, und sein Samen wird die Wahrheit über die ganze Welt verbreiten. Und scharlachroter Mohn wird auf den Plätzen vor dem Weißen Haus und dem Bundestag zum stummen Ankläger über Eure Verbrechen werden.

Ihr werdet solche Menschen wie uns nie und mit keinem Mittel brechen, denn wir sind Russen! Mit uns aber und auf unserer Seite ist Gott.

Auf Eurer Seite hingegen ist Lüge, Schmutz und Blut.

Ihr habt schon zuvor versucht, Eure Hände in Unschuld zu waschen, an denen das Blut von Millionen sowjetischen Kindern klebte, von jüdischen Kindern, von Kinder aus Vietnam, von Kindern aus Hiroshima und Nagasaki, von Kindern aus Belgrad, die Ihr durch Eure Bomben getötet habt. Und nach Serbien folgten Libyen, der Irak, Ägypten und zuletzt Syrien.

Laßt Eure schmutzigen, blutbefleckten Hände von der Ukraine, kommt wieder zu Bewußtsein, bekennt und bittet um Vergebung bei Gott und bei den Menschen, über die Ihr Tränen und Verderben gebracht habt. Mister Barack Obama, geben Sie Ihren Nobelpreis an die Kinder in der Ukraine ab: dieser Friedenspreis in Ihren Händen ist ein Schlag ins Gesicht aller anständigen Menschen, eine Schande für das Nobelkomitee. Frau Merkel, lesen sie nochmals die Geschichte Deutschlands nach: Sie werden erschauern und weinen. Es ist allerhöchste Zeit für Sie, darüber nachzudenken.

Natalja Lewina, Kreis Krasnojarsk, Rußland am 22. März 2014

Die Zweite Front

von Petr Akopow am 05. März 2014 auf „Vsgljad“ (Blick) veröffentlicht
(kollektive – unautorisierte – Übersetzung)

Diejenigen, die glauben, dass Putin ein wahnsinniges Risiko eingeht (oder gar verrückt geworden ist), verstehen nichts von seiner Politik und seinem Charakter. Und sie verstehen noch weniger, welch geopolitische Schlacht gerade unter dem Deckmantel der ukrainischen Krise ausgetragen wird.

Alle Aktionen des Präsidenten in der ukrainischen Krise zeugen davon, dass er sich nicht ein kleines bisschen verändert hat, nur waren wenige seiner Gegner in der Lage, seine Motive und Beweggründe seiner Regierung der letzten 14 Jahre zu verstehen.

Das einzige, was in den letzten Tagen mit Wladimir Putin geschah – er hat endgültig aufgehört, an die Fähigkeit der Führer der westlichen Mächte zu glauben, ihr Wort zu halten. Sie haben ihn am 21. Februar ganz banal belogen – und alle nachfolgenden Handlungen des Präsidenten beruhen grundsätzlich auf gerade dieser Tatsache.

Aus diplomatischen Quellen Sergej Lawrows [Außenminister Russlands] wurde bekannt, dass Barack Obama und Angela Merkel Putin darum baten, Viktor Janukowitsch zum Unterzeichnen eines Abkommens mit der Opposition zu bewegen, dessen Garanten drei europäische Außenminister waren. Putin ging darauf ein – und am nächsten Tag übernahmen die Opposition und der Maidan die Macht, sämtliche Vereinbarungen brechend. Sie sagen – Revolution, die Opposition konnte das Volk schon nicht mehr zurückhalten? Doch selbst wenn es eine „Revolution“ ist – warum hat sich der Westen hier so beeilt, die neue Führung anzuerkennen und sich an die Vereinbarungen nicht einmal mehr zu erinnern? Warum hat der Westen nicht zumindest versucht, den Eifer der Gewinner zu bremsen? Zumindest dazu bestanden alle Möglichkeiten.

Oder wollte der Westen dieses Spiel nur zur Eskalation spielen, um den Konflikt noch weiter anzuheizen; und zwar mit absolut allen Mitteln (wie die Geschichte der geheimnisvollen Scharfschützen bestätigt, die gleichzeitig sowohl „Berkut“- Leute als auch „Maidan“-Leute umbrachten).

Die Antwort ist einfach: weil die Ankunft einer antirussischen Regierung vollkommen den Interessen des Westens entsprach, aber niemand vorhatte, Russland zu respektieren. Deswegen wurde so getan, als habe man vergessen, worum man Putin wortwörtlich noch am Vorabend bat.

So etwas nennt sich „Betrug“ – und gewöhnlich passiert das nicht umsonst. Umso mehr, wenn es sich um persönliche Beziehungen zwischen Staatsoberhäuptern handelt – wenn nicht nur Du, sondern auch Dein Land betrogen wird. Übrigens, das letzte Mal, vor drei Jahren, haben die USA auch Dmitri Medwedew betrogen, indem sie versprachen, bei russischer Unterstützung der UN-Resolution Libyen nicht anzugreifen – diesen Betrug nahm damals gerade Putin und nicht der amtierende Präsident übel.

Was muss Putin nach dem 21. Februar empfunden haben? Dass man absolut keinen Worten der sogenannten „Partner“ trauen kann? Dass die Ukraine nicht nur von Russland abgerissen wird (das haben alle auch so verstanden), sondern dass versucht wird, das nach dem härtesten und beschleunigten Szenario zu tun. Die Umsetzung der Vereinbarungen vom 21. Februar ermöglichte es, die Wahlen zu organisieren und eine Verfassungsreform durchzuführen und dabei das Gleichgewicht der Interessen der verschiedenen Regionen der Ukraine zu wahren. So könnte das Land ein wenig zur Ruhe kommen und nüchtern alle Vor- und Nachteile der Zusammenarbeit mit Russland und dem Westen abwägen. Der Putsch brachte die Situation an den Rand der Spaltung des Landes.

Das Erlangen westlicher Macht bedeutete nicht nur den unvermeidlichen Angriff auf die Rechte des Süd-Ostens, sondern auch den forcierten Abschluss der Vereinbarungen mit der EU und kurze Zeit später den Eintritt in die NATO.

Der US-Außenminister kam nach Kiew, um die neuen Politiker, die an die Macht kamen, zu unterstützen. Auf dem Foto sieht man ihn zusammen mit dem Vertreter des Präsidenten der Ukraine, Oleksandr Turchynov (links) und Vertreter des Ministerpräsidenten Arsenij Jazenjuk (rechts)

Der US-Außenminister kam nach Kiew, um die neuen Politiker, die an die Macht kamen, zu unterstützen. Auf dem Foto sieht man ihn zusammen mit dem Vertreter des Präsidenten der Ukraine, Oleksandr Turchynov (links) und Vertreter des Ministerpräsidenten Arsenij Jazenjuk (rechts)

Unter diesen Bedingungen war Wladimir Putin einfach gezwungen, dem Westen zu demonstrieren, dass Russland auf keinen Fall „die Entführung der Ukraine“ zulassen wird. Genau darum hat er die Möglichkeit verkündet, Truppen einzusetzen, worauf er als Antwort die absurden Vorwürfe bekam, er habe der Ukraine angeblich den Krieg erklärt. Putin erklärte dem Westen den Krieg – allerdings nicht auf dem Territorium der Ukraine, sondern auf der geopolitischen Ebene. Die Unterstützung der Krim in diesem Krieg wurde einfach eine Demonstration dafür, dass Russland das große Gegenspiel startet und der Westen mit Russland die neue Konfiguration der Kiewer Regierung verabreden muss, anstatt so zu tun, als habe man die Existenz der Russen einfach vergessen.

Die Hysterie, die im Westen begann, ist ganz natürlich – wie denn, wir haben alles so wie immer gemacht und in der Vergangenheit klappte das auch alles. In der postsowjetischen Periode haben sich die Angelsachsen so sehr daran gewöhnt, dass nur sie die Spielregeln festlegen (und jederzeit beliebig ändern), dass sie einfach erstaunt waren, als sich herausstellte, dass Russland beschlossen hat, seine eigenen Regeln zu diktieren. Russland begann damit nicht etwa, weil Putin sich so sehr geändert und Erfahrung und Kraft gesammelt hat (obwohl es klar ist, dass 14 Jahre Führung eines der schwierigsten Länder der Welt und das Spielen auf der Weltbühne, auch noch nach den Regeln anderer, enorme Erfahrung geben), wesentlich wichtiger sind zwei andere Faktoren.

Erstens, ist in der Geopolitik der Zeitpunkt gekommen, in der das globale Gleichgewicht der Kräfte eine langsame, aber radikale Umstrukturierung erlebt – und das verstehen alle. Von der unipolaren driftet es zur mehrpolaren – entgegen dem Wunsch der USA, die sich mit dem Untergang ihrer Ära noch immer nicht abfinden können. Dabei fürchten die übrigen Länder der Welt, plötzliche Bewegungen vorzunehmen, weil sie weder den Einsturz der globalen Finanzarchitektur noch regionale Kriege provozieren wollen. Vor allem, da sie beobachten wie die USA mit ihrer Schwächung immer aggressiver werden, wobei sie hoffen, durch das Chaos in anderen Regionen, diese zu schwächen und dadurch die eigene Hegemonie zu verlängern.

Die finanzielle und allgemeine Sicherheit praktisch aller Länder der Erde befindet sich in verschiedenen Stufen in Abhängigkeit der FED, CIA und des Pentagon – und das gefällt zunehmend selbst denjenigen nicht, die sich an die Freiheit von den USA fast nicht mehr erinnern (zum Beispiel Deutschland). Alle wollen sich vor dem Fallen der Splitter der verminten, aber noch nicht gestürzten Türme in Sicherheit bringen, und niemand ist bereit, die Schnur anzuzünden. In dieser Situation kann die Ukraine zur Lunte werden. Putin, der eines der wichtigsten Machtzentren darstellt, ist bereit, den Prozess der Umformatierung dramatisch zu beschleunigen.

Die Welt auf amerikanische Art war auch so verurteilt, aber jetzt wird ihre Demontage nach dem beschleunigten Szenario laufen. Als die USA die Herausforderung auf die Ukraine warf, hat Putin die mögliche Reaktion Washingtons sehr gut berechnet – und er ist überhaupt nicht dagegen, dass die USA versuchen, Russland zu isolieren. Um dies zu tun, werden sie selbst eine Inspektion der vorhandenen Kräfte durchführen und den Prozess der Herausbildung der vielpolaren Welt anregen. Die USA wird einfach ohne Verbündete bleiben – außer einem Teil der NATO-Mitglieder wird niemand von den großen Mächten und den regionalen Blöcken Obama unterstützen. Lateinamerika, Afrika, Saudi-Arabien, ja, praktisch die ganze arabische und muslimische Welt, die Türkei, Südostasien, Indien, China – niemand wird an der Blockade Russlands teilnehmen.

In der Isolierung werden sich die Länder der „G-7″ selbst finden, genauer gesagt nur die USA (in der Gesellschaft Polens, Kanadas, Australiens und der Balten), denn weder für Deutschland, noch Frankreich, Japan, Italien, sogar Großbritannien ist der Bruch der Beziehungen mit Russland vorteilhaft. Aber viel wichtiger ist die Position der übrigen Welt – gerade dort hat sich eine Masse von Ansprüchen an die «goldene Milliarde» und Forderungen über die Veränderung der globalen Architektur angesammelt (vom kardinalen Reformieren des globalen Finanzsystems bis zur Erweiterung der Anzahl der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats). Die zähe Verteidigung der Interessen Russlands wird allen anderen Spielern Vertrauen in die eigenen Kräfte geben und Putin zu ihrem tatsächlichen Leader machen.

Zweitens war Putin jetzt einfach gezwungen, auf die direkte Bedrohung der Staatssicherheit Russlands zu reagieren, denn der Verlust der Ukraine für unser Land ist unannehmbar. Im vorigen Jahr hat Putin zweimal seine Bereitschaft demonstriert, den Schlag zu parieren: erst in der Geschichte mit Snowden und später auch in Syrien. Sein dritter Sieg – im November in der Ukraine –hat den Westen so verärgert, dass er sich entschieden hat, sich in Kiew um jeden Preis für alles zu revanchieren. Ohne erkennen zu wollen, ohne das Verständnis, wovor Putin warnte: „Niemand sollte Illusionen bezüglich einer Chance haben, eine militärische Überlegenheit über Russland zu erhalten. Wir werden das niemals zulassen“.

Die Eurointegration der Ukraine braucht der Westen nur für ihre nachfolgende Verschleppung in die NATO. Und Putin hat dies nach dem 21. Februar sehr gut verstanden als sich der Westen entschieden hat, mit den Interessen Russlands überhaupt nicht zu rechnen. Er hat gesehen, dass die atlantische Absorption der Ukraine schon eine Frage der nächsten Zukunft sein wird. Putin konnte sich einfach nirgendwohin mehr zurückziehen. Es war nötig, schnell unsere Entschlossenheit zu demonstrieren dieses Szenario nicht zuzulassen.

Im Ergebnis stehen wir an der Schwelle des ernstesten Konfliktes mit den USA der letzten 30 Jahre – nicht eines militärischen Zusammenstoßes sondern eines harten politischen und wirtschaftlichen Bruches, der die Änderung der gesamten globalen Architektur startet. Dahin steuerte alles schon seit vielen Jahren – sowie Russland begann, sich vom Status eines halbabhängigen Landes zu befreien. Je freier Putin agierte, je klarer es für den Westen wurde, dass Russland unwiderruflich auf die Rolle des „Juniorpartners“ endgültig verzichtete, desto schneller näherte sich der Moment, an dem sie versuchen mussten uns unseren Platz zuzuweisen.

Während der gesamten letzten zwei Jahre nach der Rückkehr in den Kreml bereitete sich Putin darauf vor, nicht nur an der Außen-, sondern auch an der inneren Front. Mit der Nationalisierung der Elite, mit der Andeutung der moralischen und ideologischen Grenze zwischen uns und dem Westen, mit dem Beseitigen von korrupten und kosmopolitischen Kadern, mit der Forderung der Beendigung der offshore-Wirtschaft festigte er Russlands Rücken. Natürlich, sehr vieles innerhalb des Landes konnte er noch nicht korrigieren, er konnte es nur aufzeigen. Macht nichts – jetzt wird die Operation „Befreiung“ an zwei Fronten im beschleunigten Tempo vorangehen.

Unsere Realität

Kollektive – unautorisierte – Übersetzung des gleichnamigen Artikels aus Vsgljad (Blick) – Wirtschaftszeitung

Keine Reaktion des Westens auf Russlands Vorgehen kann das Rad der Geschichte zurück drehen

Putin und Merkel

Die Drohungen des Boykotts Russlands sind nicht nur sinnlos, weil Wladimir Putin nicht einzuschüchtern ist. Unabhängig davon, welche Politik der Westen jetzt in Bezug auf Russland wählt – Isolation oder Dialog – Russland wird aus der ukrainischen Krise als Sieger hervorgehen. Einfach weil die Welt, deren Vorstellung sie anderen aufdrängen wollten, nicht mehr existiert.

Angela Merkel sagte Barack Obama, dass sie nicht sicher sei, ob Wladimir Putin in Verbindung mit der Realität stünde – er lebe in einer anderen Welt. Das ist die inoffizielle Mitteilung Berlins oder Washingtons – so schreibt die amerikanische Presse, aber gerade in diesem Fall kann man ihr glauben.

Der Westen kann sich von Russland, aber nicht Russland von der Welt isolieren – das aber nur mit eindeutig negativen Folgen für sich selbst.

Ja, tatsächlich, der Präsident Russlands hat die Verbindung mit der Realität vollständig verloren – mit der der atlantischen Version, die ihre Schöpfer alleingültig und verpflichtend für die ganze Welt hielten. Und dank ihm leben die Russen heute in einer anderen Welt – und nicht nur wir, muss gesagt werden. Überhaupt alle – die Chinesen mit den Hindus und die Brasilianer mit den Arabern und sogar, wie es schrecklich ist zuzugeben, die Angelsachsen mit den Franzosen. Weil die Globalisierung auf angelsächsisch (deren Wesen der Normierung die Verkürzung von allem und jedem auf ihre universelle, einzigartige Sicht auf Gute und Böse ist) zu Ende gegangen ist. Russland hat sich ihr tatsächlich verweigert – und sie verschwand wie ein gespenstiger Nebel, der auf unserer blühenden und komplizierten Welt aufgetragen worden war. So waren Merkel und Putin tatsächlich in verschiedenen Welten – sie in der schwindenden geopolitischen Realität und er in der kommenden mehrpolaren Welt. Solche Raum-Zeit-Krümmungen kommen ja vor.

Natürlich wünschte sich die absolute Mehrheit der Völker der Welt die Globalisierung nicht und viele von ihnen versuchen, ihr Leben nach eigenen Regeln einzurichten – vom Iran bis China. Und mit denen können diejenigen nichts anfangen, die das globale Projekt fördern (abgesehen vom ideologischen und finanziellen Einfluss, aber das ist immerhin ein komplizierteres Spiel). Aber alle diese Länder sind gezwungen, ihr Recht auf ihr selbständiges Leben auf ihrem Territorium zu schützen und zu versuchen, nicht mit dem angelsächsischen Imperium in direkte Konflikte zu treten (weil das einfach alle unterdrückt, die schwächer als der Iran sind oder sich, wie Nordkorea, nicht durch Atomwaffen abgesichert hat). Das Maximum, das sich China jetzt erlauben kann, besteht in der äußeren Expansion durch weiche Wirtschaftsmethoden (Afrika, Südostasien und Lateinamerikas an sich bindend). Aber das heutige Geld entscheidet im geopolitischen Kampf nichts, weil sich die Steuerknoten über die weltweiten Finanzen in den Händen der Angelsachsen befinden, die auf Wunsch (falls die Chinesen zu eifrig werden) die Trillionen Dollar Reserven Chinas in Bonbonpapier verwandeln können. Entscheidend sind ganz andere Dinge: das eigene geopolitische Bild der Weltordnung und der Wille, dies zu verwirklichen.

Das alles muss selbstverständlich von der staatlichen und militärischen Macht gestärkt sein – und das heutige Russland hat das alles in ausreichender Menge bewahrt, (nicht, um die halbe Welt zu kontrollieren, wie es die Amerikaner machen, sondern um sich vor der äußeren Aggression zu schützen). Ausreichend, um die Bedingungen zur Verwirklichung dieser Pläne zu schaffen. Was auch Wladimir Putin macht – er versucht, die unipolare Welt aufzulösen und Bedingungen zur Festigung mehrerer selbständiger Machtzentren zu schaffen. Dabei macht er das nicht nur infolge seiner persönlichen Überzeugung von der Richtigkeit gerade einer solchen Weltordnung für Russland, sondern er wird auch dazu gezwungen – weil andernfalls die Walze der Globalisierung Russland in einen Schraubstock einklemmen und zerdrücken wird. Gerade dieses Verständnis hat Putin zum 1. März 2014 geführt.

Russland hat nicht vor, die Ukraine zu zerteilen oder anzuschließen – es lässt sie einfach nicht in den Westen fortführen, um sie zum Stützpunkt für die weitere Entfaltung der NATO-Kräfte zu machen. Die Situation in der Ukraine ist so weit gekommen, dass Putin gezwungen war, zur äußersten Form der Selbstverteidigung zu greifen – der Drohung des Einsatzes russischer Truppen. Russland hat keinen Wunsch, die Armee einzusetzen und gar das Territorium der Ukraine zu okkupieren, aber diese Drohung an sich demonstriert dem Westen Russlands Entschlossenheit, die eigenen Interessen und seine Sicherheit zu verteidigen. Putin ist überzeugt, dass es kein Risiko eines Krieges gibt – nicht mit der Ukraine und erst recht nicht mit NATO. Und er hat recht – die ukrainische Armee wird nicht in den Krieg ziehen (weil wir ein Volk sind – und daran erinnern sich noch sehr viele in der Ukraine) und es wäre kompletter Wahnsinn, die NATO-Truppen in Kiew einzusetzen, worauf sich der Westen nicht einlässt.

Mit seinem Schritt bietet Putin dem Westen jedoch eine breite Auswahl möglicher Reaktionen an – vom völligen Abbruch der Beziehungen bis zum Dialog mit dem Ziel der allmählichen Abkehr von den Plänen zur EU-Integration der Ukraine. Die Wahl liegt jetzt bei den Atlantisten – aber in jedem Fall hat Putin mit seinem entschlossenen Schritt das weltweite Gleichgewicht der Kräfte schon zugunsten Russlands geändert.

Wenn der Westen nach gewisser Zeit (nach dem unvermeidlichen Auftreten der verbalen Konfrontation) dennoch die Variante des Dialoges und der Suche nach Kompromissen zur Ukraine wählt, so wird dies bedeuten, dass die angelsächsischen Eliten bereit sind, ihren Globalisierungsdrang ein wenig zu verlangsamen. Dass sie bereits sind, aus dem Elfenbeinturm herauszukommen, sich umzuschauen und anzuerkennen (nicht öffentlich, nur für sich selbst), dass sie zu weit gegangen sind und dass die so erfolgreich gestaltete ukrainische Kampagne gescheitert ist. Das Verhalten der Angelsachsen zeigt, dass sie bereit sind selbst auf so ein Minimum im Prinzip nur dann einzugehen, wenn sie verstehen, dass sie es mit einem unbeugsamen Willen und einem unüberwindlichen Hindernis zu tun haben. Gerade jetzt haben wir einen solchen Fall.

Es wird aber überhaupt nicht die Beendigung der amerikanischen Pläne der globalen Herrschaft bedeuten, wird aber ein sehr ernst zu nehmendes Argument für jenen Teil «der Herrscher der Welt» sein, die auf einer vorsichtigeren Weiterführung der Globalisierung und dem Übergang zur ausgewogenen Steuerung der weltweiten Architektur besteht. Solcher Rücklauf entspricht aber nicht den Interessen jenes Teils der Weltspitze, die darauf besteht, dass man – im Gegenteil – keinesfalls das Tempo verlangsamt werden darf. Und diese Logik hat ihre eigenen Gründe – die USA als die führende Militär- und Finanzkraft der Globalisierung erinnert uns derzeit an ein Fahrrad, das mit einer riesigen Geschwindigkeit dahinfegt. Wenn es gestoppt wird, wird es unweigerlich stürzen. Aber selbst ein schwaches Abbremsen wird in dieser Situation wirklich gefährlich werden, natürlich nur, wenn einem nicht bewusst ist, dass vorne der Abgrund ist.

Wenn die Variante eines leichten Abbremsens doch gewählt wird, so wird im weltweiten Gleichgewicht der Kräfte das Gewicht Russlands wachsen, Russland wird die Politik der höflichen geopolitischen Offensive nach seinen Interessen fortsetzen. Und all die Länder, die es anstreben, die eigene Selbstständigkeit zu verstärken und sich vom Westen zu distanzieren, werden in Moskau die reale anti-globalistische Kraft sehen, die von der passiven Verteidigung zur Offensive übergeht.

Die zweite Variante ist die Politik der Isolierung Russlands, über die jetzt in Washington geredet wird. Obwohl der Staatssekretär Kerry noch versichert, dass die USA den neuen kalten Krieg nicht wollen, ist es klar, dass die Versuche, Druck auf Russland auszuüben, von Tag zu Tag wachsen werden. Die Absage des „G-8“ Gipfels in Sotschi ist praktisch schon garantiert, und im Falle, dass der Westen die Variante der Konfrontation wählt, wird Russland höchstwahrscheinlich aus der „G-8“ ausgeschlossen werden. Es werden Wirtschaftssanktionen verhängt und es wird ein massiver informations-propagandistischer Angriff starten. Das Ziel ist klar – sie werden darauf hoffen, dass Russland unter dem Druck von außen früher oder später mindestens Zugeständnisse machen wird, und als Maximum – die Situation in Russland eskalieren und eine Revolution oder den Machtwechsel verursachen wird.

Es ist klar, dass der Westen in Wirklichkeit einfach keine Blockade gegen Russland errichten kann, – nicht nur, weil das viel mehr ihren eigenen Interessen schadet, als denen Russlands. Alles ist einfacher – die Verteilung der Kräfte in der Weltarena sind so, dass sich die Vereinigten Staaten sehr schnell davon überzeugen werden, dass sie sich in der Minderheit befinden, wenn sie versuchen, die Koalition zur «Organisation der Isolierung» zu sammeln: selbst nicht alle Mitglieder der NATO werden den Bruch der Beziehungen mit Russland unterstützen. Im Endeffekt kann der Westen sich von Russland isolieren, aber nicht Russland von der Welt und das nur mit eindeutig negativen Folgen für sich selbst.

Diese Variante dieses Verhaltens kann den Westen nur aus einem Grund wählen: wenn er die Geschichte Russlands überhaupt nicht kennt, sich die Situation in Russland sehr schlecht vorstellt und die Geisteshaltung Wladimir Putins nicht versteht. Russland ist zu jedem Druck bereit, weil die Welt für Russland nicht im Westen endet. Indem sie den prowestlichen Teil der russischen Elite mit der gesamten regierenden Klasse (selbst nachdem Putin offen den Prozess der Nationalisierung der Eliten begann) verwechseln und die kreative Klasse mit dem Volk, hat der Westen schon das Niveau seines Verständnisses über Russland gezeigt. Das westzentrierte Modell der Welt , das nach 1991 so aktiv in die Köpfe der Russen und besonders der Elite eingehämmert wurde, ist nicht nur nicht mehr allgemeingültig, es ist nicht einmal mehr in der Lage, einen irgendwie ernsthaften Einfluss auf die Situation im Land auszuüben.

Ja, unsere Kosmopoliten kontrollieren immer noch einen bedeutenden Teil der Finanz- und Kulturpolitik, der Massenmedien und Bildung, aber es ist die bereits verschwindende, stürzende Kraft. Anhänger des Bündnisses mit dem Westen mit der Anerkennung des Vorrechtes der Angelsachsen gibt es in Russland praktisch nicht mehr. Es gibt sogar unter ihnen nur wenige, die von der Aufnahme Russlands in die goldene Milliarde „als Gleichberechtigte“ träumen. Dem gegenüber verstehen immer mehr und mehr Menschen die ganze Gefahr der westlichen ideologischen und moralischen Expansion und wollen durch ihren eigenen Verstand leben. Indem der Westen mit Russland in einen harten ideologischen Clinch tritt, wird er uns die Aufgabe der Befreiung von den aufgezwungenen Schemen und verlogenen Zielen nur erleichtern und den Prozess der vollen Wiederherstellung der Eigenständigkeit der Ideologie und Wirtschaft, der Befreiung von der „Offshore-Aristokratie“ beschleunigen. Das heißt unter den Bedingungen dieser „Blockade“ wird Russland einfach schneller erreichen, was es sowieso vorhatte, dem aber der starke Widerstand eines Teils der Elite im Weg stand, die auf die engen Beziehungen mit dem Westen setzte – nach der Einführung von Sanktionen werden ihre Positionen endgültig untergraben sein.

Die Wirtschaftssanktionen des Westens gegen Russland werden die von Putin schon gewählte Politik der Hinwendung unseres Wirtschaftsvektors nach Osten und Süden nur beschleunigen. Die Blockade aus dem Westen wird unsere ohnehin fest verbundenen Beziehungen mit China noch weiter zementieren. Die Unlust das zu fördern, ist für viele vernünftige Geopolitiker des Westens eines der wichtigsten Argumente gegen die heftige Konfrontation mit Russland, obwohl ihnen entgegengehalten werden kann, dass die weitere Annäherung Moskaus und Pekings auf jeden Fall bereits vorprogrammiert ist.

Außerdem kann die Verschärfung der Konfrontation die auch so schon im westlichen Block vorhandene Gärung fördern. Für Deutschland, aber auch für andere kontinentale europäische Länder, die nicht am Abbruch der Beziehungen mit Russland interessiert sind, wird der übermäßige amerikanische Druck in dieser Frage zum zusätzlichen Reizfaktor werden.

Und wird zum zusätzlichen Argument für die Stärkung der Versuche, weniger abhängig von den USA zu werden, die selbst durch die falschen Schreie über «die neue russische Bedrohung» nicht erdrückt werden können. Einmal versucht, Russland zu isolieren, riskieren die USA im Endeffekt, Deutschland zu verlieren.

Die Idee, Russlands aus „der Acht“ auszuschließen, kann man sogar als Geschenk an uns betrachten, wenn sie schließlich auch tatsächlich die Gemüter der Angelsachsen beherrscht. Vorerst sind die Deutschen dagegen, die reklamieren, dass dies der einzige Ort ist, wo der Westen ohne Vermittler mit Russland in Kontakt treten kann. Russland selbst wird den Austritt aus „der Acht“ verkünden, weil sie die weltweiten Probleme im geschlossenen Klub der NATO-Mitglieder und des proatlantischen Japan nicht mehr lösen will und wird dazu aufrufen, den Schwerpunkt auf „die Zwanziger“ zu verlegen, die auch so in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnt.

„Die Acht“ war im Prinzip eine Form der Einbeziehung Russlands in das atlantische Projekt, denn sie wurde in den 70er Jahren als ein Klub der mächtigsten westlichen Länder gegründet, die damals die Entwicklung der westlichen, kapitalistischen Wirtschaft bestimmten. Direkt vor dem Zerfall der UdSSR wurden wir eingeladen, uns dem Klub anzuschließen (offiziell wurden wir erst einige Jahre später aufgenommen, das Format „der Sieben“ ist dabei in Finanzfragen bis jetzt erhalten geblieben). Aber die sich heute herausbildende globale Konfiguration unterscheidet sich grundsätzlich von der vor 20 Jahren, als die unipolare Welt in voller Entfaltung war: Russland ist zum eigenen geopolitischen Spiel zurückgekehrt, China wurde zur zweiten Ökonomie der Welt, die muslimische Welt, obwohl sie getrennt ist, fordert immer beharrlicher seine Vertretung im „Klub der Starken“ und eine Veränderung der Spielregeln. Eine andere Welt wurde bereits zur Realität – und was Putin am 1. März festgelegt hat, muss jetzt auf globaler Ebene seine Bestätigung erhalten. Im Rahmen „der Zwanziger“ werden „die Sieben“ ihre Beziehungen nicht mehr nur einfach mit Russland, sondern mit der Gruppe der BRICS aufbauen müssen.

Der Austritt Russlands aus „der Sieben“ fördert auch die Reformierung des weltweiten Finanzsystems – schon seit fünf Jahren wird im Rahmen „der Zwanziger“ erfolglos versucht, sich darüber zu einigen. Die weitere Unnachgiebigkeit des Westens vor dem Hintergrund der immer größer werdenden Probleme der USA kann nur zum Forcieren der Prozesse zur Entstehung starker regionaler Währungssysteme führen, was die Verdrängung des Dollars beschleunigen wird.

Die Wahl des Westens für eines der beiden Szenarien wird nur in geringem Grad davon abhängen, wie sich die Situation in der Ukraine gestaltet. Eher umgekehrt – die Situation in Kleinrussland (Ukraine) entwickelt sich abhängig von der Strategie, die der Westen wählt. Falls sich die USA für die harte Konfrontation entscheiden, werden sie die gegenwärtige Kiewer Macht nicht nur nicht beherrschen können, sondern im Gegenteil – sie werden sie in die Richtung irgendwelcher wahnsinniger Schritte drängen oder gar einen bewaffneten Konflikt ukrainischer Einheiten oder Freiwilliger mit der russischen Armee provozieren. Beim Szenario der Konfrontation ist es für den Westen unbedingt notwendig, dass die russische Armee ukrainisches Blut vergießt. Denn die Russen sind ja als „Eroberer“ gekommen – das heißt, Blut ist in diesem Szenario vorgesehen.

Man muss verstehen, dass Putin ganz und gar nicht Obama entgegensteht, sondern einer Mannschaft viel erfahrenerer Spieler, denen während der letzten Jahrhunderte die Erfahrung der Führung eines „großen Spieles“ und der Steuerung globaler Prozesse schon genetisch angelegt wurde. Diese Kraft ist bereit, absolut jede Methode zur Erreichung ihrer Ziele anzuwenden – und wir sprechen dabei nicht einmal über den Angriff auf Libyen oder der Bombardierung Belgrads. Zum Beispiel führten sie im XIX. Jahrhundert Kriege, um China an das Opium zu gewöhnen, das sie nach China geschmuggelt und dort für Silber verkauften hatten (für das gewonnene Geld kauften sie dort die ihnen notwendigen Seiden und Tees). Im Ergebnis dessen starben Dutzende Millionen Chinesen. Diese Menschen von «der kleinen Insel» und der Ostküste der USA – die Vertreter dieser Familien versuchen von Generation zu Generation die Prozesse zu bestimmen und den Lauf der Weltpolitik zu steuern, indem sie das Projekt voranbringen, das erst vor kurzem die Bezeichnung Globalisierung erhielt. Das sind keine allmächtigen Zauberer – sondern einfach die angelsächsische Erbelite, die speziell für die Führung der Welt großgezogen wurde. Russland war immer das Haupthindernis auf ihrem Weg.

Nicht nur einmal wurde versucht, uns das Recht der selbständigen Politik zu verweigern, uns vom eingenommenen Kurs abzubringen – nicht nur durch Kriege und Interventionen, sondern auch durch Verschwörungen der Eliten. Manchmal endete das wie 1801 mit dem Mord an Pawel I., aber viel öfter scheiterten alle sorgfältig aufgebauten Kombinationen. Es genügt, sich an den Misserfolg des Westens bei der Februarrevolution zu erinnern – nicht der gegenwärtigen Kiewer, sondern der russischen von 1917, als die zur Macht gekommenen „Brüder“ der Logen vom Rad der russischen Geschichte weggefegt wurden und die UdSSR nicht einfach zur Störung auf dem Weg der Angelsachsen wurde, sondern zum alternativen Zentrum der Macht wuchs.

Die größte geopolitische Katastrophe des XX. Jahrhunderts ist bereits jetzt endgültig Vergangenheit, weil Russland jetzt nicht einfach seine Weltsicht erklärt hat, sondern sie wirksam wurde und Russland sie zäh verficht. Wir erobern, zerteilen und greifen niemanden an. Mit der Drohung der Militärkraft fordern wir von den unerwünschten Gästen einfach damit aufzuhören, den Kopf unseres Nachbarn und Bruders zu verdummen, um ihn gegen uns zu stimmen und ihm Knebelverträge unterzuschieben. Er wird selbst zu sich kommen und sein Haus selbst in Ordnung bringen. Und zwar ohne Vorsagen baptistischer Prediger und der übrigen eurointegrierenden Anbeter der Idee der atlantischen Überlegenheit – mit seinem ukrainischen, aber dennoch russischen Verstand.

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