KONY 2012 – Das Netz jagt einen Mörder

11.3.2012 – Seit dem 5. März diesen Jahres macht im Internet ein Kurzfilm mit dem Titel „KONY 2012“ die Runde und gehört schon jetzt zu den meistgesehen und meistgeteilten Videos aller Zeiten. Der Film macht auf den ugandischen Kriegsverbrecher Joseph Kony aufmerksam, dessen Rebellengruppe „LRA“ seit ihrer Gründung im Jahr 1986 bis zu 60.000 Kinder entführt und zu Soldaten gemacht hat und die für die Vertreibung von rund zwei Millionen Menschen verantwortlich ist.

Auf den ersten Blick ist man beeindruckt von der enormen Resonanz im Netz, von den vielen Unterstützern und dem vordergründigen Erfolg der Kampagne. Beschäftigt man sich allerdings näher mit den konkreten Zielen der Aktion, mit den Motiven und der Arbeitsweise ihrer Macher und der aktuellen Situation in Uganda, dann kommen Zweifel daran auf, ob „KONY 2012“ wirklich unterstützenswert ist.

Joseph Kony und die LRA

Joseph Kony wurde 1961 in Uganda geboren und erhielt nach eigenen Angaben 1986 den Befehl vom „heiligen Geist“, die „Lord’s Resistance Army“ (LRA) zu gründen, um gegen die ugandische Regierung unter Präsident Yoweri Musevini zu kämpfen. Das Ziel der LRA („Widerstandsarmee des Herrn“) besteht im Aufbau eines theokratischen Herrschaftssystems in Uganda, das konsequent auf den zehn Geboten und der Bibel basieren soll.

Kony selber bezeichnet sich als Geistermedium, Gebieter und Befreier. Seit 1986 haben er und die LRA zwischen 30.000 und 60.000 Kinder entführt. Jungen wurden manipuliert zu Kindersoldaten gemacht, Mädchen missbraucht und zwangsverheiratet. Im Oktober 2005 erließ der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag einen Haftbefehl gegen Joseph Kony. Die Anklage umfasst insgesamt 33 Punkte, darunter 21 wegen Kriegsverbrechen und 12 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

2006 floh Kony in die Demokratische Republik Kongo, wo auch die LRA heute immer noch aktiv ist. Von Kony selber gibt es seitdem kein Lebenszeichen. Es scheint sicher, dass er sich seit sechs Jahren nicht mehr in Uganda aufgehalten hat. Einige Beobachter gehen sogar davon aus, dass Kony längst tot ist.

Die Kampagne „KONY 2012“

Die Kampagne „KONY 2012“ stammt von der US-amerikanischen NGO „Invisible Children“ mit Sitz in San Diego. Ziel der Kampagne ist die Bekanntmachung und Festnahme von Joseph Kony bis zum Jahresende 2012. Die Organisation entwarf und produzierte hierzu einerseits ein „Action Kit“ mit Materialien wie Plakaten, Aufklebern und Armbändern und veröffentlichte andererseits den Kurzfilm „KONY 2012“.

Der Film stammt von dem Filmemacher und Invisible Children Gründer Jason Russell und wurde seit vergangenem Montag alleine auf YouTube mehr als 70 Millionen mal aufgerufen. Er selber und sein kleiner Sohn spielen hierin die Hauptrollen. Der Zuschauer erlebt die Situation in Uganda anhand von Dialogen zwischen Vater und Sohn, bei denen Russell dem Kind erklärt, dass Joseph Kony böse sei und gestoppt werden müsse.

Hierzu erzählt Russell von seiner Begegnung mit dem ugandischen Jungen Jacob, der selber Kindersoldat der LRA war und den der Filmemacher 2003 in Uganda getroffen und interviewt hat. Originale Filmaufnahmen aus Uganda und den USA, Interviews mit verschiedenen Zeitzeugen und die selbst eingesprochenen Texte von Jason Russell zeichnen die Methoden und Verbrechen von Joseph Kony nach, während immer wieder Szenen eingefügt werden, in denen der kleine Sohn von Russell entsetzt auf die Ereignisse reagiert.

Der Film fordert den Zuschauer auf, selber aktiv zu werden und sich an der Kampagne von Invisible Children zu beteiligen. Sie sollen das „Action Kit“ für 30 Dollar bestellen, die Organisation finanziell unterstützen, das Aktionsmaterial verbreiten, sich der Kampagne bei Facebook anschließen und den Film über soziale Netze, Blogs und persönliche Kontakte noch bekannter machen.

Unterstützer, Spenden und Ziele

Auf ihren Internetseiten wirbt die Organisation Invisible Children mittlerweile mit einer ganzen Reihe prominenter Unterstützer aus Kultur, Wirtschaft und Politik. Hierzu zählen einerseits bekannte Künstler wie Lady Gaga, Angelina Jolie oder Justin Bieber, andererseits Unternehmer wie Bill Gates, Mark Zuckerberg oder Warren Buffett und auch Politiker wie George W. Bush, Condoleeza Rice, Mitt Romney oder Bill Clinton.

Das „Action Kit“ wurde in den letzten Tagen so stark abgerufen, dass es inzwischen ausverkauft ist. Invisible Children verzeichnet hohe Einnahmen und sah sich, nachdem Vorwürfe über die Mittelverwendung erhoben wurden, veranlasst, offenzulegen, wie die Spenden und Einnahmen verwendet werden.

20 Prozent der Einkünfte fließen danach unmittelbar in die eigene Verwaltung. Von dem Rest werden jeweils ein Drittel für politische Lobbyarbeit und ein Drittel für die Finanzierung von Filmen ausgegeben. Lediglich das übrige Drittel wird eingesetzt, um Projekte und Aktionen in Uganda selber zu finanzieren. Im Video „KONY 2012“ werden die Zuschauer dazu aufgerufen, an eine Organisation mit dem Namen „TRI“ zu spenden. Deren Einnahmen werden sogar vollständig zur Finanzierung von Lobbyarbeit eingesetzt.

Als Erfolg der eigenen Arbeit werten es Jason Russell und Invisible Children, dass die US-amerikanische Regierung im Oktober 2011 die Entsendung von 100 bewaffneten Militärberatern nach Uganda autorisiert hat, die das ugandische Militär dabei unterstützen sollen, Joseph Kony zu fassen.

Die Kampagne „KONY 2012“ verfolgt unter anderem das Ziel, eines militärischen Eingreifens durch die USA in Uganda. Der öffentliche Druck, den die Aktion aufbaut, soll verhindern, dass die Truppen wieder abgezogen werden und dazu führen, dass die USA ihre Anstrengungen verstärken.

Zweifelhafte Kampagne

Es ist sehr schwer, sich gegen etwas einzusetzen, was von so vielen Menschen mit gutem Willen befürwortet und unterstützt wird. Da höre ich förmlich ein „Du hast aber auch an allem etwas auszusetzen“ oder ein „Da engagieren sich mal Millionen von Menschen und es ist Dir wieder nicht recht“.

Ich nehmen es in Kauf, dass mein Standpunkt angreifbar ist und auch angegriffen wird. Ich halte die Kampagne „KONY 2012“ aus verschiedenen Gründen für ungeeignet, um gegen Kriegsverbrechen, Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen zu kämpfen und ich will begründen, warum ich zu dieser Auffassung gelangt bin.

Mein hauptsächlicher Kritikpunkt bezieht sich auf das eigentliche Ziel der Kampagne. Wer das Video in den sozialen Netzen teilt, sich bei Facebook der Organisation anschließt oder Geld an Invisible Children spendet, der beteiligt sich selber nicht aktiv daran, Joseph Kony zu suchen, zu verhaften oder vor Gericht zu stellen. Er unterstützt damit lediglich die Zielsetzung der Kampagne, die darauf abzielt, in Uganda militärisch einzugreifen.

Abgesehen davon, dass ich es für falsch halte, Gewalt mit Gewalt zu beantworten: Joseph Kony hält sich nachweislich bereits seit Jahren nicht mehr in Uganda auf. Bei den anderen Mitgliedern der LRA handelt es sich größtenteils um genau die Kinder, die von Kony entführt, missbraucht, manipuliert, bewaffnet und zu Soldaten ausgebildet wurden. Diese Kinder brauchen keine militärischen Interventionen und keine Bomben sondern humanitäre Hilfe und Unterstützung sowie medizinische und psychologische Betreuung.

Die Kampagne unterstützt, teils direkt und teils indirekt, die Regierung und das Militär in Uganda. Präsident Yoweri Museveni ist dort seit mehr als 25 Jahren an der Macht. Das Land ist nicht demokratisch, es gibt kaum soziale Unterstützung für die Bevölkerung und Menschenrechtsverletzungen durch die Regierung sind üblich und gut dokumentiert. Ein Beispiel hierfür ist das gesetzliche Verbot von Homosexualität. „Überführte“ Homosexuelle müssen in Uganda lange Haftstrafen verbüßen. Immer wieder wird die Einführung der Todesstrafe für homosexuelle Handlungen diskutiert.

Selbst wenn Joseph Kony noch lebt und man ihn fassen und vor Gericht stellen könnte: Die Situation der Menschen in Uganda würde sich dadurch nicht verbessern. Stattdessen wird die korrupte ugandische Regierung aufgewertet und ihr Militär, das selber unter dem Verdacht steht Menschenrechte zu verletzen und brutal gegen Oppositionelle vorzugehen, personell oder finanziell unterstützt. Hierdurch werden die Probleme in Uganda nur verschärft.

Die Menschen dort leiden heute längst nicht mehr unter Joseph Kony, der sich seit Jahren nicht in Uganda aufgehalten hat. Der Bürgerkrieg ist vorbei, die Flüchtlingslager existieren nicht mehr und die LRA wird von den meisten Menschen nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen. Stattdessen fehlt es in Uganda an Geld und an Ressourcen, an einer flächendeckenden Grundversorgung der Bevölkerung, an medizinischen Einrichtungen, an Lehrern, an demokratischer Mitbestimmung und an der Einhaltung der Menschenrechte.

Klickend Gutes tun?

Der Film von Jason Russell ist undifferenziert. Er zeichnet ein einfaches Bild von Gut und Böse, ohne auf die tatsächlichen Lebensumstände im heutigen Uganda und deren wirkliche Ursachen einzugehen. Invisible Children generiert durch die Kampagne Einnahmen in Millionenhöhe, von denen nur ein kleiner Teil der betroffenen Bevölkerung zugute kommt, während der Großteil in die Organisation selber, in die politische Lobbyarbeit und in die Finanzierung weiterer Filmprojekte des Filmemachers Jason Russell fließt.

Den Zuschauer hinterlässt das Video in dem guten Gefühl, durch das Teilen auf den sozialen Netzen, die Weiterverbreitung des Films oder die finanzielle Unterstützung der Organisation einen Beitrag gegen Kriegsverbrechen, Unrecht und Ungerechtigkeit zu leisten.

Hierzu wird mit filmischen Mitteln gearbeitet, die nicht aufklären, sondern an wirkungsvolle Werbe- und Medienkampagnen in bester Hollywood-Manier erinnern. Ein Kleinkind erklärt uns, was zu tun ist und teilt mit uns die polarisierende Einschätzung über das Gute und das Böse in der Welt. Originale Filmausschnitte werden beliebig zusammengeschnitten, ganz unabhängig davon, ob sie die Situation in Uganda von 2003 oder von heute beleuchten. Und damit sich wirklich jeder der Auffassung des Filmemachers anschließen kann, wird im Zusammenhang mit Joseph Kony, völlig unkommentiert, ein Bild von Hitler eingeblendet.

Keine Frage: Bei Joseph Kony handelt es sich um einen furchtbaren Kriegsverbrecher, der für das Unglück sehr vieler Menschen, hierunter unzählige Kinder, verantwortlich ist. Wenn Kony noch lebt, dann muss er verhaftet und vor den Internationalen Gerichtshof gestellt werden, der ihn bereits seit 2005 per Haftbefehl sucht. Dieses Ziel allerdings mit militärischen Mitteln oder sogar einer Intervention von US-Truppen in Uganda und seinen Nachbarstaaten erreichen zu wollen, bedeutet Unrecht mit Unrecht zu vergelten, billigend in Kauf zu nehmen, dass weitere Unschuldige zu Schaden kommen und mit der derzeitigen Regierung in Uganda ein System aktiv zu unterstützen, das weder demokratische Standards und die Menschenrechte einhält, noch seine Bevölkerung mit den notwendigen sozialen, medizinischen und kulturellen Leistungen versorgt.

Wer tatsächlich etwas für die Bevölkerung in Uganda tun will, der sollte sich ein Beispiel an dem deutschen Blogger Sören nehmen, der seit August 2011 im Rahmen des „weltwärts-Projektes“ für ein Jahr im Westen Ugandas lebt und dort als Freiwilliger eine örtliche Berufsschule unterstützt. In seinem Blog „Meursault in Uganda“, schreibt Sören regelmäßig über seine Erlebnisse und Erfahrungen in dem afrikanischen Land. Die Lektüre seiner interessanten, aufschlussreichen und sehr anschaulichen Artikel gehört für mich seit einigen Monaten zur täglichen Routine, die ich an dieser Stelle jedem empfehlen möchte.

Der Artikel im Orginal: KONY 2012 – Das Netz jagt einen Mörder.

Dazu von mir ein weiterführender Link (auf Englisch), der die in diesem Artikel vertretene Meinung bekräftigt:

Central Africa – The Problem with Invisible Children’s Kony 2012

Nachtrag vom 12. März 2012:

6 Responses to KONY 2012 – Das Netz jagt einen Mörder

  1. uhupardo sagt:

    Das ist ein ganz hervorragender Artikel, für den ich mich besonders deswegen herzlich bedanke, weil ich ich das Thema selbst auf dem Zettel hatte und mir diese Arbeit jetzt sparen kann.

    Insbasondere die Synthese unter „Klickend Gutes tun?“ unterschreibe ich vollinhaltlich.

  2. fischi sagt:

    Keine Ahnung was da wirklich dahinter steckt.
    Was es aber bestimmt nicht ist diesen Verbrecher zu finden.
    Das ist hirnverbrannt, der hat doch auch Internet.
    1. abzocken, das funktioniert so, aber bei vielen anderen Spendensammlern auch.
    2. die Hauptaufgabe von NGOs Regierungen unter Druck zu setzen oder zu stürzen.
    3. Krieg glaube ich da nicht so, in diesen Ländern ist auch anders was zu erreichen.
    Kostenlos was zum schießen oder ein fürstliches Geschenk für den Präsident hilft doch meist
    schon.
    Als Unterstützer muß man warscheinlich den Status eines Schwerverbrechers haben, bei den Schauspielern sehe ich das direkt nicht so, aber andere würden sich nie von dem System so einspannen lassen.
    Wenn sich irgenwas hiervon Bewahrheitet ist es jedenfalls für Hilfsorganisationen ein riesen Problem, wer glaubt denen dann noch.

  3. fischi sagt:

    Das Video hab ich heute früh schon woanders gesehen.
    Hab gesten blos mal bei Google und Wickipedia nach Uganda gesucht und von Oelvorkommen stand da nichts.
    Dann sieht die Sache schon ganz anders aus, blos sich einen Krieg unter Vorwand von gutgläubigen Menschen bezahlen zu lassen das ist ein starkes Stück.
    Wieviel Oel dort ist habe ich noch nicht so richtig rausbekommen, aber eins wird damit auf jedem Fall geschafft und das ist das Vertrauen der Menschen untereinander zu zerstören.
    Nee diese Welt macht einfach keinen Spaß mehr!

    • Nee diese Welt macht einfach keinen Spaß mehr!

      Dann wird’s allerhöchste Zeit, dass wir das ändern!

      Das Leben ist wundervoll und wir sollen es genießen. Die Erde ist wunderschön und wir sind hier, um sie zu genießen 😀

      Was haben wir eigentlich im Kindergarten mit den „Spielverderbern“ gemacht?

      Das müsste doch jetzt auch noch klappen, oder?

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